Feuervogel-Verlag, Inh. Anita Treguboff

Jurij A. Treguboff

Was mit der Feder geschrieben ist,
kann kein Beil heraushacken!

Russisches Sprichwort


Als Jurij vor der Abreise nach Deutschland im Lager Dubrawlag gefragt wurde, wo sein Wohnort sei, nannte er die Adresse seiner Mutter in West-Berlin. Nach seiner Ankunft am 11. Oktober 1955 in Herleshausen erfuhr er im Lager Friedland, daß sie vor einigen Jahren  gestorben war. Später besuchte er eine Cousine, die ihm einige Gegenstände überreichte, die ihr von Jurijs Mutter anvertraut worden waren. Dazu gehörten seine Tauf-Ikone und eine kleine Ikone, auf der die Muttergottes den Heiligen Sergius in seiner Zelle besucht. Auf der hölzernen Rückseite hatte die Mutter mit Tinte geschrieben, daß sie ihren Sohn Jurij der Muttergottes anvertraut und hinzugefügt: Berlin, Datum und Unterschrift.

In Friedland erwarteten ihn zwei seiner Berliner Freunde, die inzwischen in Frankfurt am Main lebten und ihn mit dem Auto zu sich nach Hause brachten.

Die Stadt Frankfurt schickte Jurij zunächst zur Kur nach Bad Homburg. Dort begann er, seine Erlebnisse niederzuschreiben, die der Verlag Possev, Frankfurt, im Jahr 1957 unter dem Namen „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“ veröffentlichte. Unmittelbar danach entstand die deutsche Fassung, die wir erst 1999 herausbrachten, nachdem alle Romane gedruckt waren. 2001 erstellte der Possev-Verlag, nunmehr mit Sitz in Moskau, eine zweite russische Ausgabe, für die der Kölner Slawistik-Professor Wolfgang Kasack das Vorwort schrieb. Buchstäblich auf dem Sterbebett hielt Jurij ihre ersten Seiten in der Hand.

Jurij erhielt eine Einladung, am Internationalen Frühschoppen von Werner Höfer teilzunehmen, dadurch wurde er bekannt und begann, als Journalist zu arbeiten und Vorträge über Rußland zu halten. Seine Themen waren: Geschichte, Literatur, Orthodoxe Kirche, Philosophie, eigenes Erleben und die Bewertung aktueller politischer Ereignisse. Er sprach in Universitäten, Schulen, Volkshochschulen und zahllosen Gremien, die sich mit Bildung beschäftigten. Auf diese Weise erreichte er viele tausend Menschen, und seitdem im Jahr 1967 sein Roman „Der letzte Ataman“ über die Auslieferung der Kosaken an die Sowjets 1945 in Österreich herausgekommen war, nahm er stets sein Buchköfferchen mit.

Im Juni 1962 schickte meine Lehrfirma mich zu einem einwöchigen Seminar nach Eltville am Rhein. Das Programm war vielseitig und interessant. Einer der Referenten sprach über Rußland. Ich hatte bereits einen Sprachkurs Russisch belegt, wußte aber nicht recht, wie ich mir ein Wissen über dieses riesige Land erarbeiten konnte und kam auf den Gedanken, mit Herrn Treguboff Kontakt aufzunehmen. Er reagierte sehr freundlich und besuchte mich in Bielefeld. Im Januar 1964 heirateten wir.

Jurij bestellte sich eine russische Schreibmaschine und begann, mit zwei Fingern auf ihr herumzuhacken. Sein schöpferischer Denkprozess erfolgte, während er heftig gestikulierend unter Selbstgesprächen in der Wohnung hin und her lief und dabei immer schneller wurde. Plötzlich stoppte er, ging zum Schreibtisch und begann zu tippen. Niemals veränderte er den Text nachträglich, lediglich Tippfehler korrigierte er. Etwa zwölf bis vierzehn Monate benötigte er, bis ein Buch beendet war. In dieser Zeit warf er mir lediglich ab und zu einige Informationen zu, so wie man einem hungrigen Hund einen Knochen zuwirft.

Womit er sich die ganze Zeit befasst hatte, erfuhr ich erst, wenn er nach Abschluss des Buches mit der deutschen Übersetzung begann, die er mir in die Maschine diktierte. Somit war ich sein erster Leser. Ich erinnere mich an eine Szene, die mich so berührte, dass ich in Tränen ausbrach. Jurij strahlte über das ganze Gesicht und meinte: „Scheint mir geglückt zu sein!“

Sobald die rohe Übersetzung beendet war, beschäftigte er sich mit einem neuen Thema, während er mir die Ausarbeitung der deutschen Fassung überließ. Anfangs guckte er mir dabei scharf auf die Finger, gestand mir jedoch allmählich eine immer größere Selbständigkeit zu.

Jeder seiner Romane erzählt eine in sich abgeschlossene Geschichte, ist aber durch einige Personen oder Familien, deren Schicksale er über einen längeren Zeitraum zeigen wollte, auch mit anderen Romanen verbunden.

Wenn Jurij zu schreiben begann, griff er zunächst zu einem großen Stück Pappe, auf dem er nach und nach die von ihm erfundenen Personen eintrug und durch Striche das Personengeflecht sichtbar machte.

Im Jahr 1971 gründeten wir den Feuervogel-Verlag, um Jurijs Bücher ohne den Einfluß Dritter herausbringen zu können.

In unserer Freizeit gingen wir schwimmen und wanderten gern. Als eine Frankfurter Tageszeitung im Jahr 1981 anbot, an einer Wanderung mit Bundespräsident Karl Carstens teilzunehmen, wurde ich ausgewählt. Wir fuhren nach Ettal und wanderten über Oberammergau nach Garmisch-Partenkirchen, beendet wurde der Tag mit einem feierlichen Bankett unter dem Vorsitz von Franz Josef Strauß.

Wolfgang Bittner schrieb am 23.04.1988 in der Frankfurter Allgemeine Zeitung:
„Phantasie ist vielleicht nichts anderes als eine Ansammlung von Erfahrungen und Beobachtungen, die aus dem Keller der Seele wieder an das Tageslicht hervorgekramt werden, um aus ihnen, wie aus Ziegelsteinen, ein neues Gebäude zu errichten, wobei längst in Vergessenheit geraten ist, wie das ursprüngliche Gebäude ausgesehen hatte, dessen Steine zu dem Neubau verwendet wurden.“ – Dies steht im Nachwort zum achten Roman des Russen, der in den fünfziger Jahren nach Frankfurt kam.
Mit all den Jahren hat er, der immer noch russisch denkt und seine Bücher auf einer Schreibmaschine in Russisch tippt, sein „Wunschziel“ erreicht: „In einer Reihe von Büchern die historische Periode zu beschreiben, die 1917 angefangen hat und bis in unsere Tage hineinreicht.“ (Frankfurter Gesichter)

Als die Zahl der von Jurij gehaltenen Vorträge allmählich kleiner wurde, mußten wir eine andere Lösung finden, um Leser zu erreichen. Mitte der achtziger Jahre wurden wir eingeladen, uns am Altstadtfest in Bad Homburg zu beteiligen. Uns wurde ein wunderschönes Fachwerkhaus zur Verfügung gestellt. Es regnete stark, niemand kam. Plötzlich riß die Wolkendecke auf, jede Garageneinfahrt verwandelte sich in einen Biergarten und die Menschen strömten herbei. Aber an unserem Haus gingen sie vorüber.
„Los, Tische und Stühle vor die Tür!“ schlug ich vor.
Wir hatten noch nicht alles geordnet, als die ersten Besucher stehen blieben und in den Büchern blätterten. An einen jungen Mann erinnere ich mich besonders gut. Er kam mehrmals zu uns, bis er sämtliche Titel besaß, die wir zu diesem Zeitpunkt anbieten konnten. Der Veranstalterin schickten wir zum Dank einen Blumenstrauß und begannen, uns über Stadtfeste und Kunsthandwerkermärkte zu informieren.

Im Rahmen eines deutschlandpolitischen Forschungsprogramms wollten im Jahr 1986 vier Professoren wissen, wie das Verhältnis zwischen Bundesrepublik und DDR bewertet wird. Auf die Frage, wie man sich die wahrscheinliche und erhoffte Weiterentwicklung des kulturellen Lebens im geteilten Deutschland vorstelle, antwortete Jurij laut Veröffentlichung der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10.06.1986:

„Die Ungerechtigkeit der Teilung Deutschlands wird nicht von langer Dauer sein.“

Als ich ihn seinerzeit fragte, wie er darauf komme, meinte er: „Das spüre ich!“

Seit 1972 waren wir mit einem 2 x 2 Meter großen Stand auf der Frankfurter Buchmesse präsent. Die fünf Messetage waren der Höhepunkt des Jahres. Wir versuchten, die an uns vorbei strömenden Massen zu einem Stop zu bewegen, indem wir ihnen in einem Silberschälchen Schokolade sowie einen Sitzplatz anboten, sofern gerade einer frei war. Daher war immer Leben an unserem Stand, was zu interessanten Gesprächen führte.

Jurij freute sich sehr, als er 1992 von dem Kölner Slawistik-Professor Wolfgang Kasack gefragt wurde, ob er sich an seinem literarischen Lesebuch „Russische Weihnachten“ beteiligen möchte. Jurij wählte die Erzählung „Heiligabend in Moskau“ aus, in der sich 1922 infolge der Revolutions- und Kriegswirren obdachlos gewordene Kinder in einem Schuppen versammeln. Im gleichen Jahr wurde die zweite, neu bearbeitete und wesentlich erweiterte Auflage des „Lexikons der Russischen Literatur des 20. Jahrhunderts – Vom Beginn des Jahrhunderts bis zum Ende der Sowjetära“ von Professor Kasack veröffentlicht, in das Jurij aufgenommen worden war, was ihm das Gefühl gab, ein lebendiger Teil des Geisteslebens seines Volkes zu sein. Die Jurij betreffenden Texte der russischen, bulgarischen und polnischen Ausgaben seines Lexikons stellte Professor Kasack uns 1996 ebenfalls zur Verfügung. Nach Herausgabe von Jurijs „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“ im Spätsommer 1999 schrieb er eine ausführliche Rezension in der Zeitschrift „Osteuropa“ und nach Jurijs Tod einen Nachruf in der Neuen Zürcher Zeitung sowie unter dem Titel „Die Last des Lebens als fruchtbare Schaffensquelle“ einen Artikel in der russischen Zeitschrift „Literaturnyi evropeec“, von dem er für mich die deutsche Übersetzung erstellte. Die Anteilnahme von Professor Kasack tat uns sehr gut.

Auf der Buchmesse 1997  kamen wir in Kontakt zu einer Regisseurin, die Filme für den Hessischen Rundfunk erstellte. Frau Astrid Dermutz schuf ein Portrait Jurijs, das in der Reihe „Bilderbogen“ des Hessen Fernsehens am 05.10.1998 gesendet wurde.

Der Buchmesse 1999 sahen wir mit großer Sorge entgegen. Anfang Juni hatten wir die Druckunterlagen für die deutsche Fassung von Jurijs Erlebnisbericht „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“ weitergegeben. Damit wurde die Veröffentlichung seiner Werke in deutscher Sprache abgeschlossen. Seit 1990 hatten wir jedes Jahr ein neues Buch herausgebracht, jetzt lag kein größeres Manuskript mehr im Schrank, wir konnten aufatmen und uns Muße und Entspannung gönnen.

Zunächst aber gingen wir zum Arzt. Es stellte sich heraus, daß an Jurijs linker Hüfte ein riesiger Tumor entstanden war. Als die bestellten Bücher ausgeliefert wurden, lag Jurij nach einem Krankenhausaufenthalt zu Hause in einem Pflegebett und schaute mit großen Augen zu, wie freundliche Nachbarn Buchkartons in unsere Wohnung schleppten. Die meisten hatten sie im Keller untergebracht, aber es war nötig, diesen Titel auch in der Wohnung greifbar zu haben.

Allmählich erholte Jurij sich langsam von den Strapazen der verschiedenen Therapien. Ich brachte es nicht übers Herz, ihm nahezulegen, die Buchmesse ausfallen zu lassen und organisierte einen Rollstuhl für ihn.
 
Anfang Februar wurde Jurij bettlägerig, am 27. Februar 2000, einem Sonntag, morgens um fünf Uhr schloß er seine Augen für immer. Wenige Wochen später wäre er siebenundachtzig Jahre alt geworden.