Feuervogel-Verlag, Inh. Anita Treguboff

Allein

Vierzehn Tage nach der Beerdigung buchte ich meinen ersten Markt ohne Jurij. Während ich noch mit dem Standaufbau beschäftigt war, kam mit strahlendem Gesicht und ausgestrecktem Arm ein junger Mann auf mich zu und fragte:
„Wo ist er denn?“
Ich verlor die Fassung, Tränen stürzten aus meinen Augen und ich stotterte wahrheitsgemäß:
„Ich weiß es nicht!“

Es war richtig, daß ich gleich wieder Märkte besuchte. Was hätte ich denn sonst mit unserem Bücherbestand machen sollen, der sich erst wenige Monate zuvor erheblich vergrößert hatte? Die Vorstellung, unsere Bücher könnten eines Tages als Altpapier geschreddert werden, war schrecklich für mich.
Aber ich schaffte es, nicht nur den Bestand zum Zeitpunkt von Jurijs Tod zu verkaufen, sondern auch das 2001 gedruckte Büchlein „Nachgelassenes“ und die Taschenbuch-Auflagen des Lubjanka-Buches aus den Jahren 2005 und 2011, die ich durch einen Bericht über Jurijs Entführung ergänzte, den ich bei seinen Unterlagen gefunden hatte. Der Verlag Possev, nunmehr mit Sitz in Moskau, brachte 2001 eine zweite russische Ausgabe des "Lubjanka" heraus, für die der Kölner Slawistik-Professor Wolfgang Kasack das Vorwort schrieb. Dieses Buch habe ich auch in Deutschland angeboten. 

Hier möchte ich einfügen, daß alle Menschen, die für mich wichtig wurden, am Bücherstand mit mir ins Gespräch gekommen waren. Die Märkte bildeten, wenn man so will, mein soziales Umfeld.

Auch die Frankfurter Buchmesse war weiterhin der Höhepunkt des Jahres für mich. Unsere langjährigen Besucher und Standnachbarn schenkten mir Trost und gaben mir ein Gefühl der Geborgenheit. Viele Jahre kam meine Schwester nach Frankfurt, um mich zu unterstützen, was mir eine große Hilfe war.

2005 blieben zwei Herren vor unserem Stand stehen. Ich sprach sie an, stellte mich vor und bot ihnen Platz an. Im Jahr darauf rief mir einer von ihnen beim Vorübereilen zu: „Ich schicke Ihnen unsere Messeberichte!“ Die beiden Herren entpuppten sich als Berliner Journalisten, der eine hatte eine Kritik über Jurijs Lubjanka-Buch verfaßt, der andere schrieb über:

Kleine Verlage auf der großen Buchmesse
In einer großen Auswahl von Alternativ über Abenteuer und bitterer Realität bis hin zur Sinnlichkeit und purer Romantik gibt es unter anderem den Feuervogel-Verlag aus Frankfurt am Main. Auch er war in so einem kleinen Stand auf der Buchmesse präsent. Zwei Damen hinter der Auslage machten die Besucher auf die wenigen Bücher des Verlags aufmerksam. Aber die Masse macht es ja bekanntlich nicht. Vielmehr gab es an diesem Stand ein unerwartetes Gespräch.
Unerwartet, aufschlußreich und schön: Ihr Mann habe alle Bücher in der Auslage geschrieben, erklärte mir eine der beiden Damen. Er hatte, im Jahr 2000 war er gestorben, ein ereignisreiches Leben hinter sich. Jurij Treguboff war ein – 1913 in St. Petersburg geborener – Russe.

Seine Frau Anita betreibt noch heute den eigenen Verlag. Sie erzählte mir, dass ihr Mann ob seines bewegten Lebens 1971 den Verlag gegründet habe, weil er sich nicht von irgendeinem Verleger, der nichts mit seinem Leben zu tun hatte, sagen lassen wollte, was er wie zu schreiben hatte. Seine Frau sagte mir, dass er auf seinem schwierigen Lebensweg gelernt habe, Menschen und Situationen einzuschätzen. Durch seine aufregenden und nicht immer einfachen Erlebnisse habe er einen differenzierten Blickwinkel für die Dinge eingenommen.

Über Jurij Treguboffs Weg gibt der Buchrücken seines Werks „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“ Auskunft: Nach Kriegsende sei er durch die Amerikaner zunächst an die Tschechen ausgeliefert und 1946 nach West-Berlin entlassen worden. 1947 dann sei er von den Russen an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin entführt und sodann von einem Sondertribunal zum Tode verurteilt worden. Eine Woche später allerdings sei das Urteil umgewandelt worden: 25 Jahre Zwangsarbeitslager lautete jetzt die Strafe, aus der er nach acht Jahren in die Bundesrepublik Deutschland entlassen worden sei.

Und in diesem bewegten Leben wollte er sich eben auch nicht mehr dreinreden lassen. So kam es also zu der Gründung des kleinen Verlags, von dem der damalige Frankfurter Buchhandel sagte, er würde es nicht lange machen. Die Zeit hat nun die Antwort auf diese damalige Spekulation gegeben: Den Verlag Feuervogel gibt es immer noch – während alle anderen mittlerweile Pleite gegangen und vom Markt verschwunden sind.

Das alte Sprichwort, die Stetigkeit höhle den Stein, behält auch in diesem Falle Recht. Im Verlag Feuervogel ist die Stetigkeit eine Herzenssache. Der Autor Jurij Treguboff wollte von dem Erlebten schreiben. Er hat seine Geschichte geschrieben. Es ist ein Teil seiner selbst, was er zu einem Buch gemacht hat. Seine Frau stand an seiner Seite und steht noch immer dort.
Ihr ist es ein tiefes Bedürfnis, so mein Eindruck, dass er und seine Geschichte weiter erzählt werden kann. Von ihrer Herzenssache zeugt auch der kleine Stand. Irgendwie familiär. Bescheiden. Die Bücher auf dem Tisch. Ein Bild von Jurij Treguboff vor einer Reiseschreibmaschine an der Wand des Standes.
Martin Schaper, Berichterstattung Buchmesse 2005

Mit Herrn Schaper traf ich mich einige Jahre später noch einmal in Pliening, einem kleinen Ort nahe München, als wir beide in dieser Gegend zu tun hatten.

Im Jahr 2004 kam ein Herr des Bürgerkomitees »15. Januar« e. V. , Berlin, auf mich zu, ob ich einen Artikel für die Historisch-literarische Zeitschrift Horch und Guck schreiben würde. Er wurde in Heft 45 des 13. Jahrgangs veröffentlicht, der das Hauptthema hatte: „Bewaffneter antikommunistischer Widerstand in Osteuropa.“  Einen weiteren Artikel schrieb ich ebenfalls 2004 für das Heft Kultur in Hamburg.

Jurij hat immer bedauert, daß es aufgrund der politischen Verhältnisse nicht möglich war, seine Bücher auch seinen Landsleuten zugänglich zu machen. Die modernen Technologien ermöglichten mir, diesem Manko abzuhelfen. So ließ ich seine beiden auf deutsch geschriebenen Romane ins Russische übersetzen und einige seiner russischen Manuskripte abtippen und auf CD-R erfassen, brach diese Aktionen jedoch ab, als mir bewußt wurde, daß sich die russische Fassung von dem gedruckten deutschen Buch unterscheiden wird. Jurij hatte sie wohl eher als Konzept betrachtet, die Feinarbeit fand während der Übersetzung und ihrer Bearbeitung statt. Dennoch biete ich neben dem russischen Buch auch diese CDs an.

Die Situation änderte sich jedoch, als nach der Wende viele russischsprachige Menschen nach Deutschland kamen und Jurijs Lubjanka-Buch ihre Aufmerksamkeit erweckte.

Im Sommer 2005 kam ich in Travemünde mit einer russlanddeutschen Dame ins Gespräch, deren Freundin in der Russischen Nationalbibliothek, St. Petersburg, beschäftigt war. Sie nannte ihr meine Internet-Seite und Anfang Oktober 2005 bekundete die Bibliothek ihr Interesse, Jurijs Werke aufzunehmen:

„that Russian readers will get the possibility to get acquainted with life and work of our compatriot und learn some unknown pages of history“

und es war eine große Freude für mich, sämtliche als Buch oder CD-R auf deutsch und russisch verfügbaren Titel während der Frankfurter Buchmesse an Vertreter dieses bedeutenden Hauses auszuhändigen. Anläßlich des Jahrestags seiner Eröffnung (2. Januar 1814) fand im Januar 2006 eine Ausstellung statt, in der Jurijs Bücher gezeigt wurden.

Russische Nationalbibliothek St. Petersburg
Brief des Generaldirektors vom 27.02.2006

Herr W. N. Zaitsev, der Generaldirektor der Russischen Nationalbibliothek, war so freundlich, mir zwei Fotos zu schicken und einen Brief zu schreiben:

„Erinnerungen von Zeitzeugen historischer Ereignisse sind wertvolle Dokumente für die Forschung. Das talentiert geschriebene Buch zieht jedoch auch die Aufmerksamkeit anderer Leser auf sich. Dieser Bericht über die furchtbaren Jahre, zugebracht hinter den Mauern der Lubjanka und in den Konzentrationslagern von Workuta, sowie die Erzählungen von Alexander Solschenizyn und anderen Häftlingen des GULAG haben auch in unserer Zeit nichts von ihrer Bedeutung verloren.“

 In Moskau stehen den russischen Lesern seit 2004 einige Bücher Jurijs sowie das russische Manuskript seines letzten Romans „Beginn eines Erdbebens“ im Archiv des Kulturzentrums Museum Marina Zwetajewa zur Verfügung, dessen Direktion mir schrieb:

Kulturzentrum Museum Marina Zwetajewa, Moskau. Brief der Direktorin vom 01.09.2004

„Das literarische Erbe von Jurij Treguboff hat für russische Historiker, Kulturwissenschaftler und sonstige Leser eine große Bedeutung – in erster Linie als Zeugnisse der Epoche und Spiegelbild einer ganzen Generation in der Emigration. Schon seit mehreren Jahren bewahren wir bei uns das biografische Werk Ihres Mannes „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“, herausgegeben vom Possev-Verlag in Frankfurt. Dieses Buch hat bei unseren Lesern großes Interesse gefunden. Wir verbeugen uns vor Ihnen für Ihren Wunsch, nicht nur das Gedenken an Jurij Treguboff in Russland zu bewahren, sondern auch für Ihr Bestreben, sein Kulturerbe zurück nach Russland zu bringen, das er bis zu seinem letzten Tag geliebt hat, wenn man nach seinen Werken urteilt.“

Ich begann, Vorträge über Jurij zu halten, was mir viel Freude machte. Nach dem Vortrag an einem Gießener Abendgymnasium fragte die Lehrerin, was denn mit den bisher vergriffenen Titeln geschehen würde. So kam ich auf den Gedanken, in einem Tonstudio Hörbücher von ihnen zu besprechen. Hierfür mußte ich jeweils den Hauptstrang der Handlung herauskristallisieren, damit der Hörer in achtzig Minuten einen abgerundeten Eindruck von Thema und Aussagen des Buches erhält.
    
Im November 2007 schrieb ich einen Artikel für Wikipedia, was mich auf den Gedanken brachte, daß sich auch Leser in Georgien für Jurijs Werke interessieren könnten, da seine Großeltern mütterlicherseits aus Tiflis stammten. Ich setzte mich mit der Nationalbibliothek des Georgischen Parlamentes in Verbindung, mein Vorschlag wurde aufgegriffen – und Anfang August 2008 erhielt ich die Bestätigung, daß alle Bücher in Tiflis angekommen sind - kurz vor Ausbruch des Kriegs zwischen Georgien und Rußland.

Dankesbrief der Bibliothek in Wladimir für die ihr überlassenen Bücher

2012 erfuhr ich, daß Erlangen seit 30 Jahren eine äußerst fruchtbare Partnerschaft mit der Stadt Wladimir (Goldener Ring) hat, Jurijs Heimat. Inzwischen befinden sich einige Bücher Jurijs in der dortigen Bibliothek und ich füge das Dankschreiben von Tatiana Bragina, Leiterin der nach Maxim Gorki benannten Bibliothek der Stadt Wladimir bei.

Sein Leben lang beschäftigte Jurij sich intensiv mit der Geschichte Rußlands. Während einer Parisreise um 1985 entdeckten wir das 1922 erschienene Buch von Mark A. Aldanow „Feuer und Rauch“, das ein gutes Bild der geistigen Situation Rußlands um die Jahrhundertwende vermittelt. In zwanzig Essays zieht Aldanow zahlreiche Parallelen zwischen der französischen und der russischen Revolution und kommentiert die Situation Europas und Rußlands während und nach dem Ersten Weltkrieg. Jurij ließ das Buch neu einbinden und begann mit der Übersetzung ins Deutsche. Uns wurde schnell bewußt, daß zahlreiche, damals nur unter großem Zeitaufwand zu erstellende Anmerkungen notwendig waren. Da unterdessen das Internet zu einer bedeutenden Informationsquelle geworden ist, konnte ich dieses Werk in russisch und deutsch auf CD-R erfassen.

Auch die 1971 in einer New Yorker Zeitschrift veröffentlichte Besprechung von S. Puschkarjow über das 1967 von A. I. Spreslis in Riga herausgebrachte Buch „Lettische Schützen im Kampf um die Eroberungen des Oktobers, 1917-1918“ übersetzte er, die ich ebenfalls zweisprachig auf CD-R erstellt habe.

Ich bin sehr glücklich darüber, daß ich die moderne Entwicklung der Medien erleben und nutzen kann, um Jurijs Lebenswerk in die Zukunft zu retten. Im Jahr 2012 habe ich mit der Erstellung von E-Books begonnen und 2019 durch YouTube Videos ergänzt. Sie zeigen Jurijs Biografie nach Fotos aus unserem Familienalbum, dazu habe ich in einem Tonstudio jeweils einen typischen Text aus jedem Buch gesprochen.

Wenn ich auf Reisen war, traf ich ab und zu Menschen, die Jurij kannten, was immer eine Freude für mich war. So sprach ich in Dresden mit einem Maler, dem Jurij vor vielen Jahren irgendwo begegnet war und an der Ostsee stieß ich auf einen grauhaarigen Herrn, der mir erzählte, daß Jurij einen Vortrag an seiner Schule gehalten hatte, als er noch Primaner war. Viele Jahre stellte ich in Schloß Beuggen an der Schweizer Grenze aus. Bei meinem ersten Besuch berichtete mir ein Lehrer der dortigen Schule begeistert, daß er sich vor langer Zeit während der Mainzer Minipressenmesse ausführlich am Ufer des Rheins mit Jurij unterhalten hatte.

Ich bin voller Dankbarkeit für die gemeinsamen Jahre und auch für die Zeit danach, in denen ich von ihnen zehren konnte.