Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka

eBook der Amazon Kindle Edition
www.amazon.de
Preis EUR 3,09

Zum Lesen am heimischen Computer
Word- und PDF-Datei auf CD-R
Preis EUR 10,00

Kurzfassung als HörBuch
erstellt und gelesen von Anita Treguboff
Audio-CD Preis EUR 10,00

Bericht über die in sowjetischer Haft verbrachte Lebenszeit vom 19.9.1947 bis zum 11.10.1955. Zugleich wird anhand der Verhöre und der Gespräche mit anderen Häftlingen ein lebendiges Bild der Vorkriegs- und Kriegszeit gezeigt.
Russisch: Vosem’ let vo vlasti Lubjanki

Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka – ein Buch von Jurij A. Treguboff
Warum bleibt mir dieser Name nicht im Gedächtnis? Schon oft habe ich das Buch zu den unpassendsten Momenten plötzlich zugeschlagen, um einmal mehr zu schauen, welchem Schicksal mein Verstand zu folgen versucht. Es könnte der Name sein. Jurij A. Treguboff.
Nun, auf den ersten Blick wirkt dieser Name so wenig einprägsam wie flüchtig. Was sollte also so schwer daran sein, sich nach der Hälfte des Buches den Namen des Autors und Hauptprotagonisten dieses eindrucksvollen Erlebnisberichtes verinnerlicht zu haben? Soeben, beim Niederschreiben musste ich keinen Augenblick nachsinnen. Nur beim Lesen will er mir immer wieder entfallen. Aber nein, der Name kann es nicht sein.
Nicht mehr frei sein. Am 19.9.1947 an der Grenze zwischen Ost- und Westberlin von sowjetischen Sicherheitsorganen entführt. Bis zum 10.10.1955 in den dicken Fäden eines Spinnennetzes. So beschreibt er in der härtesten von Halluzinationen begleiteten Phase zweieinhalbjähriger Untersuchungshaft die Verfolgungsmaschinerie der sowjetischen Obrigkeit. Dann Todesstrafe durch das Sondertribunal. Eine Woche später Umwandlung des Todesurteils in 25 Jahre Zwangsarbeit.
Nach über achtjähriger Haft wird Jurij A. Treguboff in die Freiheit entlassen.
Sofort beginnt er, seine Erlebnisse aufzuschreiben, besonderes Gewicht will er den Menschen geben, denen er in dieser Zeit begegnet ist. Er hat ihnen versprochen, ihre Geschichten in die Nachwelt zu tragen. Seine Sprache wirkt kalt und effizient. Es ist zu spüren, dass das Erlebte noch nicht lange zurückliegen kann. Und dennoch beschreibt Treguboff seine Erlebnisse mit einer fast unglaublichen Distanz, lässt nur in sachlichen Beschreibungen seiner Physis oder in bitter-ironischen Bemerkungen zu den Ausführenden in den Gefängnissen und Lagern sein Leiden durchscheinen. Er nimmt uns an die Hand, mit ihm gehen wir die Wege zum Verhör, fahren mit ihm in die unmenschlichen Gefängnisse, verfolgen seine Gespräche mit Gefängnisinsassen. Er lässt sie wieder aufleben.
In einem verborgenen Organ der sowjetischen Obrigkeit gefangen, gibt uns Treguboff nicht nur einen klaren Blick auf die politischen Verhältnisse der Zeit, er vermag es ebenso, sie uns spüren zu lassen. Dabei bleibt er stets darauf bedacht, seine Beschreibungen nicht allzu sehr mit den emotionalen Auswirkungen seiner Erlebnisse zu verfärben.
Treguboff widmet sich vielmehr seinem Versprechen, die Menschen, die ihm begegnet sind, und ihre Geschichten für uns zu verewigen. So sehr, dass er selbst oft fast zu kurz kommt.
Es wird schwierig, sich seinen Namen zu merken. Das will er auch nicht, so bin ich mir jetzt sicher. Er ist einer von vielen. Einer, der festgehalten hat.
Stefan Jahrmärker, Berichterstattung Buchmesse 2005

*

Neue Zürcher Zeitung Int. Ausgabe, 4/5.März 2000
Was sein Lubjanka-Buch, das sein Schaffen umrahmt, auszeichnet und ihm neben anderen Gulag-Darstellungen Vorzüge verleiht, sind gute Lesbarkeit und kluge Wahl selbsterlebter typischer Ereignisse und Verbindung des Einmaligen mit dem historisch Wichtigen und menschlich Gültigen. Es kann der heutigen Generation eine gute Vorstellung von der Auswirkung solcher Zwangssituationen auf den Menschen geben. Seinen oft in der Emigration und in der UdSSR, aber auch in der russischen Geschichte spielenden Romanen gab er gern eine kriminalistische und abenteuerliche Handlung mit vielen aussergewöhnlichen Motiven aus Spionage, Wirtschaft, Politik, Verbrechen und Sexualität. Da das spannend Erzählte aber von einem religiösen und ethischen Anliegen getragen wird, stehen sie in der Tradition der guten russischen Literatur. („Leid als literarische Quelle – zum Tod von Jurij Treguboff“)
Wolfgang Kasack

*****

HIER EIN AUSZUG AUS DIESEM BUCH:

Überraschend wurde ich in eine mir bisher unbekannte Etage der Lubjanka gebracht: Dieses Zimmer ist noch größer als das eben von mir verlassene, aber es erscheint fast dunkel. Jemand sitzt am Tisch und schreibt. Nur die hellen Hände sind deutlich zu sehen. Der Sitzende sieht mich an. Sein gescheites Gesicht ist rasiert, voll, ein wenig gedunsen. Über die Wange zieht sich eine Narbe. Er scheint sehr müde zu sein, lilablaue, ungesunde Schatten unter den Augen und geschwollene Tränensäcke. Er trägt einen dunklen Zivilanzug, zum leuchtend weißen Kragen eine fest gebundene Krawatte. Die Augen blicken mich ruhig, klug und sehr gütig an.
„Wissen Sie, wer ich bin?“ fragt er müde. „Ich habe nicht die Ehre es zu wissen.“ „Ich bin der Minister für Staatssicherheit Abakumow.“ „Sehr erfreut.“ sage ich und mache eine leichte Verbeugung. Seine Hand vollzieht eine unbestimmte Geste. „Sagen Sie mir zunächst, wie Sie zur Sowjetmacht stehen.“ „Wie ich zu ihr stehe? Scharf ablehnend.“ Abakumow nickt mit dem Kopf. „Gut, Treguboff, aber wie steht es jetzt damit?“ „Ebenso.“ Das bleiche Gesicht wird wieder düster und unbewegt. Abakumow schweigt einige Sekunden traurig.
„Wissen Sie auch, Treguboff, dass der Feind vernichtet wird, wenn er sich nicht ergibt?“ „Ich weiß. Sprechen Sie von mir?“ „Ja.“ „Man braucht mich nicht mehr zu vernichten, ich bin schon längst vernichtet worden.“ „Und tun Sie sich nicht selbst leid?“ Ich schweige. „Es ist doch schade, Treguboff!“ meint er nach einer Weile. „Sie denken noch darüber nach. Wir beide könnten miteinander kolossale Dinge verrichten!“ Ich spüre, dass die Audienz beendet ist.

Im Frühjahr 1954 meldete das Radio: „Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR hat die ehemaligen Minister für Staatssicherheit Abakumow, Goglidse und andere zu der höchstzulässigen Strafe verurteilt!“


Skizze gezeichnet von Dr. Andrey Redlich