Feuervogel-Verlag, Inh. Anita Treguboff

Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka

Der Leser wird fragen, weshalb dieses Buch menschlicher Leiden geschrieben wurde? In unserer Zeit ist es schwer, jemanden durch Schilderungen der Schrecken des Lebens in Erstaunen zu versetzen. Außerdem hat die furchtbare Wirklichkeit bereits seit langem die Ausdrucksfähigkeit unseres Sprachschatzes überholt, daher können Worte niemals den ganzen Sinn wiedergeben.
Viele meiner Freunde, die in den Sowjetlagern zurückgeblieben sind, baten mich, wenn ich in die Freiheit gelange, die Welt zu unterrichten, wovon wir Zeugen waren, und ich habe sie um dasselbe gebeten, denn niemand wußte, wann es ihm beschieden sein würde, den Bereich hinter dem Stacheldraht zu verlassen.
Unser Versprechen ist mir heilig.

E-Book der Amazon Kindle Edition
Preis EUR 3,09

 

Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka – ein Buch von Jurij A. Treguboff
Warum bleibt dieser Name nicht im Gedächtnis? Schon oft habe ich das Buch zu den unpassendsten Momenten plötzlich zugeschlagen, um mir einmal mehr anzuschauen, welchem Schicksal mein Verstand zu folgen versucht. Es könnte der Name sein. Jurij A. Treguboff.
Nun, auf den ersten Blick wirkt dieser Name so wenig einprägsam wie flüchtig. Was sollte also so schwer daran sein, sich nach der Hälfte des Buches den Namen des Autors und Hauptprotagonisten dieses eindrucksvollen Erlebnisberichtes verinnerlicht zu haben? Soeben, beim Niederschreiben musste ich keinen Augenblick nachsinnen. Nur beim Lesen will er mir immer wieder entfallen. Aber nein, der Name kann es nicht sein.
Nicht mehr frei sein. Am 19.9.1947 an der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin von sowjetischen Sicherheitsorganen entführt. Bis zum 10.10.1955 in den dicken Fäden eines Spinnennetzes. So beschreibt er in der härtesten von Halluzinationen begleiteten Phase zweieinhalbjähriger Untersuchungshaft die Verfolgungsmaschinerie der sowjetischen Obrigkeit. Dann Todesstrafe durch das Sondertribunal. Eine Woche später Umwandlung des Todesurteils zu 25 Jahre Zwangsarbeit. Nach über achtjähriger Haft wird Jurij A. Treguboff in die Freiheit entlassen.

Sofort beginnt er, seine Erlebnisse aufzuschreiben, besonderes Gewicht will er den Menschen geben, denen er in dieser Zeit begegnet ist. Er hat ihnen versprochen, ihre Geschichten in die Nachwelt zu tragen. Seine Sprache wirkt kalt und effizient. Es ist zu spüren, dass das Erlebte noch nicht lange zurückliegen kann. Und dennoch beschreibt Treguboff seine Erlebnisse mit einer fast unglaublichen Distanz, lässt nur in sachlichen Beschreibungen seiner Physis oder in bitter-ironischen Bemerkungen zu den Ausführenden in den Gefängnissen und Lagern sein Leiden durchscheinen. Er nimmt uns an die Hand, mit ihm gehen wir die Wege zum Verhör, fahren mit ihm in die unmenschlichen Gefängnisse, verfolgen seine Gespräche mit Gefängnisinsassen. Er lässt sie wieder aufleben.
In einem verborgenen Organ der sowjetischen Obrigkeit gefangen, gibt uns Treguboff nicht nur einen klaren Blick auf die politischen Verhältnisse der Zeit, er vermag es ebenso, sie uns spüren zu lassen. Dabei bleibt er stets darauf bedacht, seine Beschreibungen nicht allzu sehr mit den emotionalen Auswirkungen seiner Erlebnisse zu verfärben.
Treguboff widmet sich vielmehr seinem Versprechen, die Menschen, die ihm begegnet sind, und ihre Geschichten für uns zu verewigen. So sehr, dass er selbst oft fast zu kurz kommt. Es wird schwierig, sich seinen Namen zu merken. Das will er auch nicht, so bin ich mir jetzt sicher. Er ist einer von vielen. Einer, der festgehalten hat.
Stefan Jahrmärker, Berichterstattung Buchmesse 2005

 

Leid als literarische Quelle - zum Tod von J. Treguboff
Was sein Lubjanka-Buch, das sein Schaffen umrahmt, auszeichnet und ihm neben anderen Gulag-Darstellungen Vorzüge verleiht, sind gute Lesbarkeit und kluge Wahl selbsterlebter typischer Ereignisse und Verbindung des Einmaligen mit dem historisch Wichtigen und menschlich Gültigen. Es kann der heutigen Generation eine gute Vorstellung von der Auswirkung solcher Zwangssituationen auf den Menschen geben. Seinen oft in der Emigration und in der UdSSR, aber auch in der russischen Geschichte spielenden Romanen gab er gern eine kriminalistische und abenteuerliche Handlung mit vielen aussergewöhnlichen Motiven aus Spionage, Wirtschaft Politik, Verbrechen und Sexualität. Da das spannend Erzählte aber von einem religiösen und ethischen Anliegen getragen wird, stehen sie in der Tradition der guten russischen Literatur.
Wolfgang Kasack, Neue Zürcher Zeitung Int. Ausgabe, 4/5. März 2000

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