Der fahle Reiter

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Die stürmische Entwicklung der Technik brachte zwei Gelehrte auf den Gedanken, künstlich einen Menschen zu schaffen, der den Anforderungen der modernen Zeit besser gerecht wird. Unterdessen hat die teils ersehnte, teils befürchtete russische Revolution, die sich ebenfalls die Schaffung eines „neuen Menschen“ zum Ziel gesetzt hat, den Sieg davongetragen und zieht Opportunisten unterschiedlichster Prägung in ihren Bann, die unter den neuen politischen Gegebenheiten ihre eigenen egoistischen Ziele verfolgen.

Papillon Politische Zeitschrift für Literatur / My Way Das eigensinnige Kulturmagazin, Bochum, Oktober/Dezember 1999
Bei Treguboff liegt die Stärke in der eigenen Lebenserfahrung – und die wurde stark im Osten Europas geprägt, in Russland, einem wahrhaft großem Land, mit einer großen Kultur, über deren Künstler, Schriftsteller, ihre Geschichte, wir leider immer noch zu wenig wissen. Dieser Roman von Jurij A. Treguboff ist von der Art, wie ich mir ein gutes Buch vorstelle: unterhaltsam, anregend, und zugleich erhellend lehrreich. („Der fahle Reiter“)
Ulrich Gernand

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HIER EIN AUSZUG AUS DIESEM BUCH:

Manuil Nikolajewitsch Tschumidin besaß einen kleinen Laden in dem reichen Kirchdorf Mischatino, fünf Werst vom Landsitz Lipki des Obersten Stepanow-Iwaschin entfernt, direkt am Flüßchen Sudogda. Er selbst war ein kleines Männchen mit einem spitzen, schnabelartigen Näschen und einem ebenso spitzen Kinn mit einem Grübchen in der Mitte, als ob jemand aus irgendeinem Grund einen Keil dort hineingesteckt hatte. Dieser Keil konnte jedoch nur seine eigene Nase sein. Das gespaltene Kinn allein wäre nicht mal so schlimm, doch ebenso gespalten war seine Seele zwischen Licht und Fröhlichkeit, wie sie in jeder menschlichen Seele leben, und kaltem, erbarmungslosem Haß. Von Natur aus war er kein böser Mensch; er gehörte jedoch zu jenen tragischen Gestalten, die das Leben nach uns unbekannten Gesetzen zielsicher auf das Schlechte zustößt, und begonnen hatte das folgendermaßen:
Er war das jüngste von sieben Kindern eines armen Bauernköhlers, der ehrlich sein tägliches Brot verdiente, aber dennoch seine Horde, wie er sich ausdrückte, nicht sattbekommen konnte, und der kleine Mano erfuhr fast von der Wiege an, daß er, bevor er ein Stück Brot schlucken konnte, zehnmal umsonst schlucken mußte. Aber er sah auch, daß bei denjenigen, die Grips hatten, das Brot von allein in den Mund kroch.
Wieso bin ich eigentlich schlechter als die anderen, fragte er sich bereits, als er noch ganz jung war.
Nicht weit von ihnen entfernt lebte ein Handwerker, der recht geschickte Hände hatte und alles mögliche aus Holz schnitzte, Löffel und Teller, und als die Krönung bevorstand, fertigte er Statuetten des neuen Zaren Nikolaus des Zweiten an. Das interessierte den kleinen Manuil sehr. Auf redliche und unredliche Weise war er zu acht Rubeln gekommen und hatte sie zur Seite gelegt. Davon kaufte er dem Handwerker ein Dutzend seiner aus Lindenholz geschnitzten Figuren ab, sah in einem Kalender nach, welche Uniform der Zar trug, besorgte sich Farbe und pinselte die kleinen Büsten entsprechend an. Dabei stachelte ihn der Unreine auf, dem Zaren anstelle des blauen Bandes des Andreasordens ein rotes Band anzulegen. Er ging zum Markt und verkaufte die bunten Statuetten zu siebzig Kopeken das Stück. Alles lief wie geölt, bis der blitzeschleudernde Jupiter in Gestalt des Polizeioffiziers auf dem Marktplatz erschien, eine seiner Figuren ergriff, sie kritisch gegen das Licht hielt, und dann schrill wie ein Hahn loskrähte:
„Wieso hast du dem Zaren ein rotes Band verpaßt, einen Revolutionär hast du aus Seiner Majestät, dem Kaiser, gemacht!“ Er sprang so hoch, daß die dünnen Enden seines Walroßschnurrbarts bis zu seinen Ohren flogen. „Das ist sofort zu konfiszieren! Hast du überhaupt eine Lizenz? Ich sehe dir an, daß du keine hast. Laß dich nie wieder auf dem Markt blicken, sonst…!“ Seine Stimme nahm eine düster drohende Färbung an. „Gegenüber Lumpen wie dich bin ich viel zu gütig, ein richtiges Gottesschaf!“
Mano ergriff die Flucht, ohne sich weiter um seine Statuetten zu kümmern, und von diesem Augenblick an wandte seine Seele sich fort von allem, was mit dem Zaren zu tun hatte, durch den er finanziellen Verlust und öffentliche Schande erleiden mußte.
Beim Fortlaufen hatte er noch bemerkt, daß sein Nachbar, der Schnitzer, dem Polizeioffizier etwas in die Hand steckte.
So also sieht die Wahrheit aus, dachte der Knirps empört, für die Reichen gilt eine ganz andere Wahrheit als für die Armen, und so segelte er auf jenes geistige Ufer zu, an dem sich die von allen geschundenen kleinen Leute sammelten und sich mit jenen Kräften vereinten, die den Reichen ihr überflüssiges Fett ausschmelzen wollten.


Skizze gezeichnet von Dr. Andrey Redlich