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zu Begegnungen mit Jurij Treguboff

Am 22. Dezember 2006 erhielt ich die folgende E-mail:
„Vielleicht erinnern Sie sich noch an die jungen Leute, die sich immer Mittwochs Abends im Stadtbad Mitte zum Schwimmen trafen. Das ist jetzt ca. 30 Jahre her. Wir lernten dabei Ihren Mann kennen und besonders ich habe immer fasziniert seinen Geschichten zugehört. Wir verstanden uns so gut, dass meine Freundin und ich Sie einmal zu Hause besuchen durften. Ein paar Mal haben wir auch Ihren Stand auf der Frankfurter Buchmesse besucht. Bis dann unser eigenes Leben uns weit auseinander gespült hat. Meine Freundin und auch meine restliche Familie wohnen noch immer in und um Frankfurt. Ich lebe ganz im Süden Deutschlands, in der Nähe von Rosenheim. Und wie es die Weihnachtszeit so mit sich bringt, denkt man über Vieles und Viele nach.
Dabei kam mir die Idee, mal im Internet nachzusehen, was es über Juri Treguboff und den Feuervogelverlag dort so gibt. Jetzt weiss ich, dass der liebenswerte Geschichtenerzähler mit dem ansteckenden Lachen schon mal vorausgegangen ist. Ich bin froh und ein wenig stolz, ihn gekannt zu haben.“
Petra N.

Am 11. September 2005 erfuhr ich:
„Seit langem hatte ich heute abend einmal wieder Zeit für nicht-fachliche Lektüre, vergrub mich in der Bibliothek und stieß dann irgendwann auf „Berlin“ mit der Widmung Ihres Mannes aus 1995, von einem Straßenstand an der Hauptwache. Natürlich fragte ich mich irgendwann auch, wie es Ihnen und dem Verlag so geht… und stellte nicht nur fest, daß es schon wieder zwei Jahre her ist, seit wir uns in Dreieich gesehen haben, sondern auch, daß Sie nach wie vor sehr aktiv sind und die Erinnerung an Ihren Mann wachhalten. Das freut mich sehr, geht doch vieles gerade in den letzten Jahren einfach so dahin…“
Friedhold A.

Über diese Nachricht freute ich mich am 20. Mai 2004:
„Ich bin ein großer Fan von den Büchern Ihres verstorbenen Mannes. Ich habe gestern wieder ein Buch von ihm beendet und dachte mir, ich müsse Ihnen mal schreiben, wie sehr ich seine Bücher liebe. Ich bin Ihnen und Ihrem Mann, ich glaube 1999 müßte das gewesen sein, einmal in der Nähe von Ludwigshafen/Rhein begegnet.
Lukas L.

Am 26. April 2004 wurde mir mitgeteilt:
„Guten Tag, Frau Treguboff, vielleicht können Sie sich noch an mich erinnern. Wir trafen uns auf der Buchmesse in Nidderau und ich schwärmte von Ihrem Mann. (Ich war vor ca. 30 Jahren auf einer Vorlesung.) Als ich nach Hause kam, ging ich in meine Bibliothek und holte das Buch heraus. Es war im November 1975. Also viel geschwindelt hatte ich da nicht. Konnte mich dann wieder genau an diesen Tag erinnern. Saß in der zweiten Reihe auf einem Holzstuhl und sah in ein sehr gütiges Gesicht. Es kam mir vor, als wäre es erst gewesen…“
Alexander A.

Am 21. Oktober 2002 bekam ich einen ausführlichen Brief, den ich in Auszügen zitieren möchte:
„…Bei der Buchmesse 1998 sprach mich ein älterer, verschmitzt lächelnder Mann an. „Wenn Sie den weltbesten Schriftsteller kennenlernen wollen, dann müssen Sie mit mir kommen“, sagte er. Und weiter: „Wissen Sie, wer das ist? Das bin ich, Jurij A. Treguboff.“ Ehe ich mein Urteil fällen konnte, ob dieser Mann nun verrückt sei, hielt ich ein dickes Buch in der Hand. Es hieß „Beginn eines Erdbebens“ und ich las ein wenig darin. Ich fand es gut lesbar und auch die Aufmachung gefiel mir… Bereits auf der Rückfahrt nach Nürnberg las ich die ersten Kapitel… Sein Buch wurde für mich im Jahre 1998 zum herausragendsten Leseerlebnis, und das gegen so namhafte Konkurrenten wie Umberto Eco, Georges Simenon, Bernhard Schlink (Der Vorleser), Alfred Andersch oder Brian Moore… Ein Jahr später dann, wieder auf der Buchmesse, traf ich auf einen völlig anderen Jurij A. Treguboff. Auch dieses Mal kaufte ich… Ich war beschämt darüber, daß so ein begnadeter Erzähler so ein Schattendasein in der literarischen Welt fristen mußte…
Jetzt, wenn es einen Himmel gibt, sitzt er dort oben und lächelt verschmitzt auf uns herab. Sollte es keinen Himmel geben, dann ist er aber lebendig unter all denen, die seine Bücher gelesen haben oder noch lesen werden. Und vielleicht, eines Tages, wird er doch noch in den Olymp der Weltliteratur gehoben, wird sein Meisterwerk gepriesen und von einem Glück für die Literatur gesprochen. Spät dann zwar, aber Beispiele dieser Art gibt es ja genug…“
Michael K.

Nach dem Tod Jurijs am 27. Februar 2000 veröffentlichte unsere Nichte auf ihrer Homepage Jurijs Biografie mit Informationen zu seinen Büchern. Dazu schrieb sie:
„Diese Seiten widme ich meinem Onkel, den ich sehr geliebt habe. Ich habe ihn als liebenswerten, sehr toleranten Menschen kennen und schätzen gelernt. Unser Wortschatz reicht nicht aus, um ihn zu beschreiben.“
Tanja G.

Während der Frankfurter Buchmesse im Oktober 1999 – Jurij Treguboff konnte sich bereits nur noch im Rollstuhl fortbewegen – kamen zwei junge Leute zu unserem Stand und sprachen ihn an, ob er bereit sei, einige Fragen zu beantworten. Ohne sich näher zu erkundigen, um welche Themen es ginge, nickte Jurij zustimmend und konzentrierte sich:

Jurij Treguboff: Ich mache für Sie ein extra kluges, administratives Gesicht.
Frage: Herr Treguboff, glauben Sie an Jesus Christus?
Jurij Treguboff: Ja, unbedingt ja! Ich bin kein Mystiker von Natur aus, aber als ich ins Lager kam und das ganze Grauen sah, sah ich, daß es gibt eine geistige Welt. Und zwar eine gute.
Frage: Und glauben Sie, daß Jesus Christus für Sie gestorben ist?
Jurij Treguboff: Jawohl. Ganz genau.
Frage: Und aus welchem Grund ist er für Sie gestorben?
Jurij Treguboff: Er nahm die Sünden aller Welt auf sich in seinem Opfer als Sohn Gottes, das zweite Gesicht der heiligen Dreieinigkeit. Ich bin Christ, und ich kann noch mehr sagen: Russland ist ohne Christentum, und zwar ohne Ostchristentum, ohne Orthodoxie, einfach undenkbar.
Frage: Glauben Sie, daß er es heute wieder tun würde?
Jurij Treguboff: Unbedingt, unbedingt.
Frage: Warum glauben Sie das?
Jurij Treguboff: Also, weil seine Güte so unermesslich ist, daß er auch zum zweiten Mal kommen wird, wenn es nötig ist. Wir wissen nicht, vielleicht ist er auch unter uns. Nun, ich habe Menschen gesehen, die sehr nah an die Heiligkeit heranrückten, besonders im Lager, wo man im Schatten des Todes lebt. Da gab es wirkliche, richtige Heilige, aber auch andere Seiten. – Daran muß ich glauben.
Ich kann Ihnen sagen, von Natur aus bin ich kein Mystiker. Ich habe zwei Tanten gehabt in Moskau. Beide furchtbar böse, eine zog mich am linken Ohr, die andere am rechten: „Hast du schon gebetet?“ Und ich wie ein Hund: „Grrrr.“ Wissen Sie! Und sie trieben Spiritismus. Nun, die orthodoxe Kirche, wie jede christliche Gemeinschaft, verbietet, die Geister der Toten anzurufen. Da ist bei einer der Tanten der Mann gestorben. Vierzig Tage betet die orthodoxe Kirche, da ist angeblich die Seele unter uns – ob das so ist, das weiß ich nicht. Und dann setzen sie sich an den Tisch, holen zwei weitere gebildete Damen, mit Abitur, bilden die Kette um den Tisch und fangen an, den Geist von Onkel Paul anzurufen. Ich war sechs Jahre alt, ich kroch aus dem Bett, wie ein kleiner Hund, guckte unter der Tür hindurch, war begierig zu sehen, wie der Geist aussieht, wenn er kommt. Er kommt und kommt nicht. Auf einmal sagt die Witwe: „Ach Kinder, ihr könnt lange den armen Onkel Paul anrufen, er war schon zu Lebzeiten ganz taub.“ – So. Kleine Anekdote.
Frage: Glauben Sie, daß er wiederkommen wird?
Jurij Treguboff: Ja, ich glaube, wie es prophezeit ist nach der Heiligen Schrift, an sein zweites glorreiches Erscheinen, wo er jedem gibt das, was der Mensch verdient.
Frage: Was meinen Sie, wäre sein Ziel und Wille, wenn er in unserer Zeit wieder auferstehen würde?
Jurij Treguboff: Sein Ziel und Wille wäre, daß die Menschen endgültig – ein Teil wird es auch tun – dem Materiellen entsagen und dem Geistigen sich zuwenden. Das ist praktisch in allen Religionen dasselbe. Es gab einen russischen Fürsten, der war zwanzig Jahre in der Lehre eines Brahmanen in Indien und kannte Phänomene, wo er zum Millionär werden könnte. Und dann sagte er nach zwanzig Jahren dem Brahmanen: „Ich suche was anderes“, sagt er, „suche eine geistige Erweckung.“ Da hat der Brahmane gesagt: „Jetzt kapiere ich, mein Sohn, was du brauchst.“ Fragte: „Bist du Christ?“ Sagte: „Ja.“ „Such in deiner Religion nach Wegen zu Gott, die gibt es dort mehr als irgendwo anders.“ Das sagte ein Brahmane, nach unserem Standpunkt ein Heide. Er wurde Priester in Rußland, und als die Verfolgungen anfingen, seine Predigten waren gekennzeichnet durch völlige Furchtlosigkeit. Die Bolschewisten: Verbrecher, Mörder – und natürlich wußte man, seine Tage sind gezählt. Man riet ihm zu fliehen. Er sagte: „Ich kann einen hypnotischen Befehl geben jedem Beamten, daß er mir einen Auslandspaß ausstellt, zehn Pässe, aber meine Amtsgenossen können das nicht.“ Er blieb da und wurde erschossen, eines von den zehntausenden Opfern. Von allen christlichen Gemeinschaften hat die orthodoxe Kirche am meisten im Laufe der zweitausend Jahre Christenheit Opfer gebracht für die göttliche Wahrheit. Und deshalb bin ich orthodoxer Christ. In dieser Religion bin ich geboren, in ihr werde ich auch sterben.

Später stellte sich heraus, daß dieses Interview Teil eines von Tomaso Carnetto in der Edition P12C herausgebrachten Videotonals mit dem Titel „Legenden vom nächstgelegenen Ort“ geworden ist. Es war Jurijs letztes Interview.
Mehr über das von Tomaso Carnetto geleitete Frankfurter Institut für Bildung und Medienentwicklung GmbH unter: www.edition-p12c.de/vp/vp01f.htm


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zu Oper Frankfurt – Die Zarenbraut

Am 15. November 2006 besuchte ich die Oper DIE ZARENBRAUT von Nikolaj Rimski-Korsakow in der OPER FRANKFURT. In der Pause verließ ich das Opernhaus und schrieb am nächsten Morgen erbost eine E-Mail an Herrn Bernd Loebe, den Intendanten der OPER FRANKFURT, mit Kopie an die FAZ:


Sehr geehrter Herr Loebe,
mit grosser Freude habe ich registriert, dass die Oper Frankfurt sich entschlossen hat, die selten gespielte Oper DIE ZARENBRAUT von N. Rimski-Korsakow zu inszenieren, und so war ich in der gestrigen Vorstellung.
Mir hat imponiert, wie geschickt der kurzfristige Ausfall des Sängers des Grigori Grasnoi kompensiert wurde, und beide, der Sänger und der Darsteller, verdienen mein Kompliment.

Betroffen und entsetzt war ich jedoch über die brutale Vergewaltigungsszene im ersten Akt, die überdeutlich zeigt, wie eine Frau entwürdigt und mehrfach vergewaltigt wird, bis sie zum Schluss leblos auf einer Bahre davongetragen wird, zumal die von Rimski-Korsakow komponierte liebliche Musik überhaupt nicht zu dieser “Optik” passte und sicherlich eine angemessenere Darstellung auf der Bühne verdient haette.
Als zum Schluss des zweiten Aktes in peinlicher Weise ein Geschlechtsakt in einem Auto dargeboten wurde, beschloss ich, in der Pause zu gehen, weil ich mir den Anblick weiterer Entgleisungen ersparen wollte.

Ich frage Herrn Stein Winge, ob es wirklich erforderlich war, diese Oper gegen die Musik ihres Komponisten zu inszenieren und um einer vermeintlichen Aktualisierung und Herausforderung eines Skandals willen die Brüskierung des Publikums und die Herabstufung einer sowieso nur selten präsentierten Oper auf primitivstes Niveau in Kauf zu nehmen?
In meinen Augen wurde die Chance vertan, ein grandioses (jede Musik von Rimski-Korsakow ist grandios!) und in Europa fast vergessenes musikalisches Werk für die Opernhäuser der Welt neu zu entdecken.
Mit unfreundlichen Grüßen Anita Treguboff

Noch am gleichen Tag erhielt ich Antwort von Herr Loebe:


Sehr geehrte Frau Treguboff,
ich danke Ihnen für die offenen Worte.
Das, was Sie als Entgleisungen” charakterisieren, hat im zweiten Teil nicht stattgefunden, insofern war es schade, daß Sie in der Pause gehen mußten. Im Blick zurück hätte sich Ihnen die Inszenierung vielleicht besser erschlossen.

Regisseur UND Dirigent haben sehr ernsthaft sich der Aufgabe gestellt, diese Oper zu inszenieren und Ihre Aktualität – von Iwan dem Schrecklichen bis in unsere Gegenwart – auch für ein heutiges Publikum zu begreifen. Weder wurde das Publikum bewußt beleidigt, noch das Werk entstellt. Ich gebe zu, daß der Vergewaltigungsmoment im ersten Akt auch mich betroffen macht. Ich begreife diese Szene aber eher als Verbeugung vor all den Opfern in Kriegszeiten oder Diktaturen.

Der Dirigent Jurowski war es, der diese Szene zusammen mit dem Regisseur erarbeitete; als jemand, der die russischen Verhältnisse von der Stalinzeit bis heute kennt und unter diesen Verhältnissen selbst sehr leiden mußte. Im Falle der Szene des Leibarztes Bomeli mit Ljubascha lesen Sie bitte das Libretto und hören die Musik. Bomeli ist jemand, der sich Frauen gefügig macht und ist-krankhaft pervers. Die Oper muß nicht beschönigen, sie kann auch analysieren, deuten. Jurowski unterstreicht die doch gleichzeitig ironisierende Musik mit schmetternd überzogener Fanfare, so daß man schon glaubt, Vorboten von Schostakowitschs “Lady Macbeth von Mzensk” zu hören. Das Finale des zweiten Aktes hat – für mich – eher burleske Züge.

Um das schreckliche Schicksal von jungen Menschen zu begreifen, die eigentlich nur ihr kleines zärtliches Glück pflegen wollen und unter die Maschinerie einer Schreckensherrschaft geraten, darf man auch die Gegenwelt beschreiben. Hätten Sie erlebt, wie Johann M. Kränzle seinen Part spielt und singt, wie Britta Stallmeister ihre Wahnsinnsszene im Finale der Oper gestaltet und das Publikum zu Befallsstürmen animiert, dann wären die beschriebenen Momente im ersten Teil weniger gravierend für Sie gewesen. Das Herz dieser Produktion schlägt für die Unterdrückten! Die Darstellung einer falschen Verromantisierung hielten wir für falsch.
Natürlich respektiere ich Ihre subjektive Wahrnehmung!
Mit freundlichen Grüßen Bernd Loebe

Diese Antwort gab ich am 21.11.06 wie folgt an die FAZ weiter:

Sehr geehrte Damen und Herren,
da ich meinem Zorn über einen verpatzten Opernabend in einer E-Mail an Herrn Loebe, den Intendanten der Oper Frankfurt, mit Kopie für Sie Ausdruck gegeben habe, möchte ich Ihnen die schnelle Antwort von Herrn Loebe nicht vorenthalten – bewusst ohne Kommentierung, wohl aber mit der Überlegung, dass “all die Opfer in Kriegszeiten oder Diktaturen” der Oper Frankfurt für die einfühlsame Anteilnahme an ihrem Schicksal sicherlich sehr dankbar sind – nur schade, dass die unfreiwilligen Betrachter dieser “Verbeugung” dies vermutlich nicht ganz begriffen haben.
Anita Treguboff

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