Wikipedia-Artikel 2007

Jurij A. Treguboff

Jurij A. Treguboff (1991)

Jurij Andrejewitsch Treguboff (Tregubov) (* 4. April 1913 in St. Petersburg; † 27. Februar 2000 in Frankfurt am Main), war ein Schriftsteller, der sowohl dem russischen, als auch dem deutschen Kulturkreis zugerechnet werden kann. Das 1917 in Russland an die Macht gekommene kommunistische System lehnte er aus historischen und religiösen Gründen ab und trat im Alter von einundzwanzig Jahren in Berlin einer Widerstandsorganisation bei, die ein Gegenkonzept zum atheistischen und klassenkämpferischen Marxismus entwickelte. Am 19. September 1947 wurde er aus Berlin entführt, in der Moskauer Lubjanka zunächst zum Tode, fünf Tage später zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, konnte jedoch bereits 1955 nach Westdeutschland zurückkehren. Seiner Autobiografie über die in sowjetischen Gefängnissen und Lagern verbrachte Lebenszeit folgten neunzehn Romane, die sich mit der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts sowie ihren Auswirkungen auf die unterschiedlichsten Bereiche des Lebens in Deutschland befassen mit Schwerpunkt auf die vom Schicksal geschlagenen kleinen Leute, ein Bändchen mit Gedichten und Erzählungen sowie ihm wichtig erscheinende Übersetzungen aus dem Russischen.

Ziel seines Schaffens war, „in einer Reihe von Büchern die historische Epoche zu beschreiben, die mit der Oktoberrevolution 1917 angefangen hat und bis in unsere Tage hineinreicht.“

Zu Jurij Treguboffs 100. Geburtstag am 4. April 2013 wurde sein literarisches Lebenswerk als eBooks der Amazon Kindle Edition erstellt und steht interessierten Lesern nunmehr elektronisch zur Verfügung.

Der bedeutende Slavist Wolfgang Kasack (1927-2003) schrieb in seinem Vorwort zu der 2001 in Moskau erschienenen russischen Ausgabe der Autobiografie Jurij Treguboffs: „Seine Bücher bewahren Wesentliches aus dem Erlebten und Denken der Russen, vor allem im zwanzigsten Jahrhundert.“

Leben

Familiärer Hintergrund und Kindheit in Russland

Jurij Andrejewitsch Treguboff wurde als einziges Kind des adligen Gutsbesitzers Andrej Alexejewitsch Treguboff (* 1869 in St. Petersburg; † 1935 in Orel, in der Verbannung) und seiner Gattin Sophia Maximilianowna von der Osten-Sacken (* 1876 in Stawropol; † 1954 in Berlin) in St. Petersburg geboren.

Zeichnung des Lyzeums aus dem 19. Jahrhundert

Urahn der Treguboffs ist Sultan Tregub von Kabarda (Kaukasus), der im 15. Jahrhundert das Christentum annahm, seine Heimat verließ und sich zusammen mit seinem Sohn und dreitausend seiner Untergebenen unter die hohe Hand des Moskauer Großfürsten Zar Iwan III. (1440-1505) begab, der ihm zur Sicherung seines Unterhalts Ländereien in den Gegenden um Smolensk und Wladimir gab. Nach der Eroberung von Byzanz (Byzantinisches Reich) durch osmanische Türken (1453) war Rußland die einzige christlich-orthodoxe Großmacht, die nicht von islamischen Eroberern besetzt war und daher einen großen Zustrom orthodoxer Christen erfuhr. Der Familienlegende nach entstammte Tregub Nachfahren von Timur Lenk (1336-1405), auch Tamerlan genannt, der sich als Erbe von Dschingis Khan betrachtete und in Mittelasien ein gewaltiges Reich schuf. Ein weiterer Vorfahr väterlicherseits war der Däne Vitus Bering (1680-1741), der in russischen Diensten die nach ihm benannte Wasserstraße zwischen Russland und Amerika entdeckte.

Alexander Sergejewitsch Puschkin

Jurij Treguboffs Mutter war eine Urenkelin von Jegor Antonowitsch Engelhardt (1775-1862), ab 1816 Direktor des Kaiserlichen Lyzeums (Alexander-Lyzeums) in Zarskoje Selo bei St. Petersburg, zu dessen Zöglingen der Dichter Alexander Sergejewitsch Puschkin zählte. Fjodor Romanowitsch von der Osten-Sacken (1832-1916), ein Cousin ihres Vaters, hat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Staatsmann im Ministerium für auswärtige Angelegenheiten, Geograph, Botaniker, Forschungsreisender und Diplomat Spuren in der Geschichte Russlands hinterlassen.

Salome Tschawtschawadse, die aus Tiflis (Georgien) stammende Großmutter Jurij Treguboffs mütterlicherseits kam aus dem Haus Bagration, dessen bekanntestes Mitglied Pjotr Iwanowitsch Bagration als Feldherr der russischen Armee gegen Napoléon Bonaparte kämpfte und in der Schlacht von Borodino fiel. Auf ihrem Landsitz Tsinandali war der Schriftsteller Michail Jurjewitsch Lermontow (1814-1841) ein gern gesehener Gast und verwendete in seinem Poem „Der Dämon“ den Namen Tsinandali in der abgewandelten Form Sinodal.

Pjotr Iwanowitsch Bagration

Jurij Treguboff fühlte sich der Tradition seiner Familie verbunden, die über Jahrhunderte aktiv an Aufbau und Verteidigung der Größe Russlands teilnahm.

Seine Kindheit verbrachte er in Laptewo, dem Landsitz seiner Eltern im Gouvernement Wladimir, das etwa 180 km nordöstlich von Moskau gelegen ist. Wladimir war im Mittelalter die Hauptstadt Russlands, bis diese Würde im 14. Jahrhundert von Moskau übernommen wurde. Am 1. August 1914 erfolgte die Kriegserklärung durch Deutschland, und nach der Machtergreifung der Bolschewisten im Oktober 1917, die das elterliche Gut enteigneten, zog seine Familie erst nach Sudogda, später nach Wladimir und im Januar 1919, dem dritten Revolutionsjahr und mitten im Bürgerkrieg, nach Moskau.

Diese Zeit findet ihren Niederschlag in den Romanen Wladimirschina – Revolutionswinter 1917/1918, Der Vampir – Moskau im Jahr 1921, und schließlich in seinem letzten, im Jahr 1998 veröffentlichten Roman Beginn eines Erdbebens, in dem Jurij Treguboff durch Rückblick auf die entscheidenden Jahre 1916 bis 1920 eine Bilanz der sowjetischen Epoche Russlands zieht.

Emigration und Leben in Berlin

Im Januar 1926 verließ seine Mutter die Sowjetunion und fuhr auf Anraten eines bereits emigrierten Verwandten mit ihrem Sohn nach Berlin, dem Vater wurde die Ausreise verweigert. Geplant war, nach einem Jahr zurückzukehren, die politische Entwicklung Russlands ließ das jedoch nicht ratsam erscheinen, denn aus dem Ausland Zurückgekehrte wurden als „Spione“ betrachtet und sofort in Gewahrsam genommen, und so musste Jurij Treguboff sich gezwungenermaßen darauf einstellen, sein Leben in der Emigration zu verbringen.

Er sprach kein Wort deutsch und die Trennung vom Vater und seinen Moskauer Freunden machte ihm sehr zu schaffen. Zudem wurde er in das Berliner Deutsch-Russische Gymnasium gesteckt, das einen ganz anderen Lehrplan hatte als seine Moskauer Schule. Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden auf deutsch unterrichtet. Man beschäftigte sich intensiv mit deutscher und russischer Literatur, deutscher und russischer Geschichte, als Fremdsprachen kamen hinzu Latein, Griechisch, Englisch und Französisch. Besonders unangenehm für ihn war, dass die bereits direkt nach Beendigung des russischen Bürgerkriegs im Jahr 1920 emigrierten Lehrer ihm gegenüber äußerst kritisch waren, da er in ihren Augen jahrelang der kommunistischen Propaganda ausgesetzt worden war und sie ihm vorwarfen, daher „Atheismus und bolschewistischen Geist“ in der Schule zu verbreiten.

Nach der Mittleren Reife verließ er die ungeliebte Schule, um für sich und seine Mutter, die sich mit Französisch-Unterricht über Wasser hielt, den Lebensunterhalt zu verdienen. Es war die Zeit der großen Arbeitslosigkeit, schließlich kam er in einer chemischen Fabrik unter, die sich mit der Herstellung von flüssiger Seife befasste und wurde Seifensieder.

Deutsch erlernte er schnell, war später als Dolmetscher und Übersetzer tätig und wurde Privatlehrer für Russisch und Deutsch.

In seiner Freizeit las er viel und suchte Kontakte zu den damals in Berlin lebenden russischen Intellektuellen und ehemaligen Kämpfern der Weißen Armee. Besonders interessierte er sich für Themen der russischen und europäischen Geschichte und erarbeitete sich ein ungeheures Wissen, das er sein Leben lang erweiterte und so zur Basis seiner späteren journalistischen und schriftstellerischen Tätigkeit machte.

Stalin im Jahre 1902

Intensiv beschäftigte er sich mit der nach der Revolution von 1917 eingesetzten politischen und wirtschaftlichen Entwicklung Russlands: Ende der zwanziger Jahre kam Josef Stalin ans Ruder. In der Landwirtschaft setzte er die Kollektivierung durch, verbunden mit der Vernichtung sämtlicher Bauern, die Knechte beschäftigten und daher zu Ausbeutern (Kulak) deklariert wurden, was in großen Teilen Russlands zur Tötung durch Hunger Golodomor (Holodomor) führte. Parallel dazu wurde der erste Fünf-Jahres-Plan durchgepeitscht, der die Schwerindustrie fördern sollte, was mit weiteren unsäglichen Opfern der Bevölkerung einherging. Dann begannen die Säuberungen innerhalb der kommunistischen Partei, der zunächst die sogenannte Lenin-Garde zum Opfer fiel, also diejenigen Menschen, die durchaus idealistisch in Revolution und Bürgerkrieg für ein Russland auf marxistischer Basis gekämpft hatten. Die Sowjetunion verwandelte sich in ein Land der Konzentrationslager, in einen Archipel Gulag

Dem Unglück seines Vaterlandes wollte Jurij Treguboff nicht tatenlos gegenüber stehen und trat 1934 dem “Nationalen Bund der Schaffenden der neuen Generation” bei, später “NTS Narodno Trudowoi Sojus Bund russischer Solidaristen” genannt, einer Widerstandsorganisation gegen den stalinistischen Terror, die im Jahr 1930 aus vier kleineren antikommunistischen Gruppen in Belgrad entstand und deren Mitglieder hauptsächlich junge Emigranten aus dem Balkan, aus Frankreich, der Tschechoslowakei und dem Fernen Osten waren. Um zu verhindern, dass Emigranten mit rückwärts gerichteten politischen Vorstellungen wie Monarchisten, Menschewiki oder Sozialisten-Revolutionäre in den neu geschaffenen Bund eindringen, wurde das Höchsteintrittsalter auf 35 Jahre festgesetzt. Damit war allen, die zu Beginn der Emigration im Jahr 1920 älter als fünfundzwanzig Jahre waren, der Weg in den neuen Bund versperrt.

Einer der Gründer des NTS, Michail Alexandrowitsch Georgijewskij, vormals Professor für Assyrisch und Althebräisch, erklärte:

Es reicht nicht aus, den Bolschewismus zu hassen, wir müssen ihm eigene Ideale entgegenstellen. Seiner Doktrin muß unsere Doktrin entgegengesetzt werden, seiner Ideologie unsere Ideologie, seiner Organisation unsere eigene Organisation.

(In der Lubjanka traf Jurij Treguboff einen Häftling, der monatelang mit dem gegen Kriegsende in Simuni, Jugoslawien, verhafteten Georgijewskij in der gleichen Zelle saß, über dessen weiteres Schicksal nichts bekannt ist.)

Als grundlegende geistige Basis galt die informell als Idealo-Realismus bezeichnete philosophische Schule der im Jahr 1922 von den Sowjets ausgewiesenen Philosophen: Nikolai O. Losskij (1870-1965, Begründer des Intuitivismus und Anhänger des „personalistischen Idealismus“), Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew (1874-1948, Kultur- und Religionsphilosoph, Vertreter einer dem Existentialismus nahestehenden christlichen Geschichtsphilosophie), Lew P. Karsawin (1882-1952 Lager Workuta, Mystiker, Mediävist), Semjon L. Frank (1877-1950, Religionsphilosoph, Schüler von Wladimir Sergejewitsch Solowjow, Boris P. Wyscheslawzew (1879-1955, Philosoph, Jurist, Literaturkritiker) und Iwan A. Iljin (1882-1954, Vertreter des metaphysischen Transzendentalismus, Neuhegelianer, Monarchist), von denen einige in ihrer Jugend selbst Marxisten gewesen waren.
(Philosophische Einordnung nach M. Glawazki: Filosofski parochod. God 1922. Istoriografitscheskije etjudy, Jekaterinenburg 2002, 223 S. (Der Philosophendampfer. Das Jahr 1922. Historiografische Studien) aus der redaktionellen Anmerkung der Zeitschrift “Horch und Guck”, Nr. 2004/I, zum Artikel “Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka” von Anita Treguboff.)

Sie vertraten die Ansicht, dass idealistische philosophische Konstruktionen zur Bekämpfung des Marxismus nicht ausreichen, Idealismus müsse stets realistisch fundiert sein. Dem klassenkämpferischen Marxismus, dessen Hauptkraft der Hass der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter war, stellte der NTS die Idee des Solidarismus entgegen. Nach dieser Idee können Unternehmer und Arbeiter durchaus friedlich miteinander auskommen, wenn jede Partei ihren materiellen Forderungen im Interesse der gesamten Nation Vernunftgrenzen setzt und nicht in rücksichtslose Maßlosigkeit abgleitet.

Der NTS war von Anfang an in einer sehr schwierigen Lage. Mit einer Unterstützung durch monarchistisch oder sozialistisch geprägte Exilorganisationen konnte er nicht rechnen. Außerdem waren unentwegt Versuche sowjetischer Agenten abzuwehren, die ihn unterwandern wollten. Er konnte sich nur auf den Idealismus und den Opferwillen seiner Mitglieder stützen, druckte Flugblätter, auf denen seine Ansichten dargelegt wurden und schmuggelte sie über die grüne Grenze in die Sowjetunion. Außerdem nahmen seine Mitglieder Kontakte zu im Ausland lebenden Sowjetbürgern auf, die sie über den Bund informierten und zugleich Kenntnisse jeglicher Art über das Leben in der Sowjetunion sammelten, um stets auf dem Laufenden zu sein und zu wissen, in welchem Zustand sich das Land befindet. Vom Exil aus unterstützte der NTS alle Kräfte, die das kommunistische Unrechtsystem bekämpften.

Adolf Hitler war bereits an der Macht, und der NTS spürte, dass sich der Stachel der deutschen Außenpolitik immer stärker gegen die Sowjetunion richtete. Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg, und am 22. Juni 1941 der militärische Einmarsch Deutschlands und seiner Verbündeten in die Sowjetunion.

Der NTS formulierte die Parole eines Dritten Weges: “Russland ohne kommunistische Diktatur, aber auch ohne deutsche Besatzung”, was der damals in Deutschland herrschenden Macht keineswegs gefiel und zu einer für den NTS höchst gefährlichen Zusammenarbeit der deutschen und sowjetischen Sicherheitsorgane führte. Verhaftungen begannen, und gegen Kriegsende waren die meisten führenden Köpfe des NTS in deutscher Haft.

Fünf Mitglieder, darunter auch Jurij Treguboff, gingen in die Kriegsgefangenenlager. Dort sollten solche Menschen herausgepickt werden, die später die untersten Glieder der deutschen Verwaltung in den von ihnen besetzten russischen Gebieten bilden sollten. Die Aufgabe bestand darin, ihnen Deutsch beizubringen und sie mit den für eine Verwaltungstätigkeit unumgänglichen Begriffen vertraut zu machen, zum Beispiel, worin die Funktionen des Arbeitsamtes bestehen und wie das deutsche Eherecht für Ausländer aussieht. Das war die offizielle Seite, zusätzlich wurden die gefangenen Landsleute mit den Ideen des NTS bekannt gemacht, denn ein unter deutscher Verwaltung stehendes Russland erschien dem Bund ebenso wenig erstrebenswert wie die sowjetische Diktatur.

A. A. Wlassow

Im Oktober 1944 erhielt Jurij Treguboff aufgrund des deutschen Geburtsnames seiner Mutter unerwartet die deutsche Staatsangehörigkeit – er war zuvor staatenlos gewesen – verbunden mit dem Hinweis, dass er jeden Tag mit seiner Einberufung zur Wehrmacht rechnen müsse. Um diese Zeit formierte sich in Berlin die aus Emigranten und ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen bestehende Russische Befreiungsarmee (ROA) des Generals Andrei Andrejewitsch Wlassow. Jurij Treguboff zog es vor, zu seinen eigenen Landsleuten zu gehen und wurde Übersetzer und Dolmetscher in der Kanzlei von Generalmajor Fjodor Iwanowitsch Truchin (1896-1946), dem Chef des Stabes der Wlassow-Armee, der ihn bereits als Kind in Moskau kennengelernt hatte.

Die Flagge der ROA

Wlassow war sowjetischer Generalleutnant, wurde im März 1942 zum Oberbefehlshaber der Zweiten Stoßarmee ernannt und erhielt den Auftrag, von Südosten aus den deutschen Ring um die belagerte Stadt Leningrad aufzubrechen (Leningrader Blockade vom 8. September 1941 bis 27. Januar 1944). Er stieß zwar weiter als die anderen sowjetischen Armeen vor, konnte jedoch nicht mehr versorgt werden. Ein Rückzug wurde untersagt und seine Hilferufe an Stalin blieben ohne Resonanz, viele seiner Soldaten verhungerten, die übrigen wurden von den Deutschen gefangen genommen, Wlassow als einer der letzten am 12. Juli 1942. Er fühlte sich und seine Truppen von Stalin verraten. Daher fasste er den Plan, aus russischen Emigranten und in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Militärs eine Armee zum Kampf gegen Stalin und das von ihm vertretene kommunistische Regime aufzubauen.

Leider wurde seine Initiative seitens der Deutschen völlig falsch beurteilt. Bis zuletzt standen die Reichsregierung und die Führer der nationalsozialistischen Partei der ROA misstrauisch gegenüber und versuchten, die Aktionen Wlassows zu hintertreiben. Erst Ende des Jahres 1944 gelang es ihm, aus den etwa 800.000 bereit stehenden ROA-Soldaten einige Formationen von 50.000 bis 70.000 Mann aufzustellen, und am 10. Februar 1945 übernahm Wlassow in Münsingen auf der Schwäbischen Alb den Oberbefehl über die neue Armee.

Ihre politischen Ziele veröffentlichte das Komitee zur Befreiung der Völker Russlands (KONR) der ROA am 14. November 1944 in ihrem „Prager Manifest“, dessen Hauptgedanken waren:

Zu den insgesamt vierzehn Grundsätzen dieses Programms gehörten:

Nach Kriegsende lieferten die Alliierten sämtliche Angehörigen der Wlassow-Armee, derer sie habhaft werden konnten, trotz gegenteiliger Versprechungen an Stalin aus. Wlassow selbst und seine engsten Mitarbeiter wurden in Moskau hingerichtet. Heute werden Persönlichkeit und Pläne Wlassows in Russland völlig neu bewertet. Von einem Verräter verwandelt er sich allmählich in einen Patrioten, der bereits während des Zweiten Weltkriegs den tollkühnen und leider vergeblichen Versuch unternommen hatte, den Sturz der kommunistischen Diktatur herbeizuführen, der erst im Jahr 1991 geschehen ist.

Zum Zeitpunkt der Kapitulation des Dritten Reichs war Jurij Treguboff in der Tschechoslowakei und wurde von marodierenden Tschechen aufgegriffen, die ihn „in Vergeltung für die deutschen Verbrechen“ hängen wollten. Eine russische Patrouille kam dazu, als er mit der Schlinge um den Hals auf einer Kiste Kathreiner Malzkaffee unter einem Baum stand und mit seinem Leben bereits abgeschlossen hatte. Sie wollten wissen, was mit ihm los sei, die Tschechen sahen sich gezwungen, ihn loszubinden und schlossen ihn in den Keller eines nahegelegenen Hauses ein. „Morgen werden wir uns zurechtfinden, was das für ein Mensch ist!“ erklärten die Sowjets und fuhren weiter. Am nächsten Morgen waren weder Tschechen noch Russen zu sehen, eine vor Angst zitternde sudetendeutsche Frau befreite ihn aus dem Keller und er konnte fliehen.

Dann geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er sich auf seine deutschen Papiere berief und kein Wort russisch sprach, und wurde, da er sich am 8. Mai 1945 einige Kilometer hinter der Grenze aufgehalten hatte, an die Tschechen ausgeliefert, die sich zur kriegsführenden Macht erklärt hatten und alle deutschen Kriegsgefangenen beanspruchten, die auf dem Gebiet der ehemaligen Tschechoslowakischen Republik (1918-1938) gefangen genommen worden waren. Zunächst wurde er in der Landwirtschaft und später in den Kohlengruben von Mährisch-Ostrau eingesetzt. Nachdem er bei einem Grubenunglück vierzehn Stunden unter der Kohle gelegen hatte und sein rechter Arm gelähmt war, wurde er im September 1946 als Invalide nach West-Berlin entlassen, wo er mit Hilfe amerikanischer Offiziere russischer Abstammung, die früher in der Weißen Armee gedient hatten, weiterhin für die Ideen seiner Organisation warb.

Diesen Abschnitt seines Lebens verarbeitete Jurij Treguboff in den Romanen Berlin – Der Zweite Weltkrieg, Gespenster in Frankfurt – Rückblick eines Heimkehrers aus dem sowjetischen Lager auf sein vorheriges Leben, sowie Notizen eines Pechvogels, in dem er seine ersten Berliner Jahre beschrieb.

Entführung aus Berlin und Haft in der Sowjetunion

Am 19. September 1947 wurde Jurij Treguboff von Agenten des MGB (Ministerium für Staatssicherheit) an der Grenze zwischen dem sowjetischen Sektor zu den westlichen Sektoren Berlins entführt, nach Moskau verbracht und nach zweieinhalb Jahren Untersuchungshaft in der Lubjanka zum Tode verurteilt. Fünf Tage später wurde das Todesurteil durch 25 Jahre Zwangsarbeit ersetzt. Er wurde nach Workuta transportiert, das in der nordöstlichen Ecke des europäischen Russlands zwanzig Kilometer westlich des Uralgebirges auf der 69. Parallele liegt, 106 Kilometer nördlich des Polarkreises. Dort wurde hauptsächlich Kohle für die im eisfreien Hafen von Murmansk liegende sowjetische Flotte gefördert. Für diese Arbeit war er jedoch zu schwach, bei seiner Größe von 1,82 m wog er bei seiner Ankunft nur noch 56 Kilo. Nach drei Jahren und zwei Monaten wurde er nach Mittelostrussland in die Autonome Mordwinenrepublik verlegt, von der er am 11. Oktober 1955 nach der Anerkennung der Sowjetunion durch die Bundesrepublik Deutschland infolge der Verhandlungen Konrad Adenauers mit Nikita Sergejewitsch Chruschtschow als deutscher Staatsangehöriger befreit wurde. Er zog nach Frankfurt am Main, wo unterdessen einige seiner früheren Berliner Freunde wohnten.

M. J. Lermontow

Vom Tag seiner Entführung an war es Jurij Treguboff verwehrt, für eigene Zwecke etwas niederschreiben zu können. Daher war er gezwungen, alles Wichtige im Gedächtnis zu bewahren, das er auf diese Weise so trainierte wie die Menschen vor der allgemeinen Alphabetisierung. Erst in den letzten Monaten seiner Haft, die er in einem Lager für Ausländer verbrachte, konnte er Papier und Stifte erhalten. Sein Lagerheft, das er mit in die Freiheit nahm, enthält Übersetzungen russischer Gedichte ins Deutsche, die er sein Leben lang überarbeitete, sowie deutscher Gedichte ins Russische. Hauptthema ist das Poem „Bojare Orscha“ von Michail Jurjewitsch Lermontow, das im Jahr 1992 zusammen mit dem später übersetzten Poem „Der Dämon“ veröffentlicht wurde.

Bojare OrschaGeschrieben 1955 im Lager Potma

Jeden Menschen in der ersten Sekunde einer Begegnung richtig einzuschätzen, ob Untersuchungsrichter, Wachmann oder Mitgefangener, war lebensnotwendig. So verstand er es, gut mit den Blatnojs genannten Kriminellen zurechtzukommen, indem er ihnen deutsche Märchen erzählte. Sie schätzten besonders „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff, weil in ihm der böse Holländer-Michel überlistet wurde, was ihnen aufgrund ihrer Erfahrungen mit der übermächtigen Staatsgewalt sehr gefiel. Die meisten von ihnen wären ohne die fürchterlichen Zustände nach Revolution und Bürgerkrieg – Verhaftung oder Tod der Eltern, Obdachlosigkeit, Hunger, Kälte, staatliche Kinderheime – niemals ins Kriminelle abgeglitten. Diese intensive Schulung seiner Menschenkenntnis war sicherlich eine Basis für die Vielfalt der später von ihm beschriebenen Charaktere.

Unmittelbar nach seiner Rückkehr begann Jurij Treguboff mit der Niederschrift seines Erlebnisberichts Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka, der 1957 auf russisch im Verlag Possev, Frankfurt am Main, als Buch sowie als Fortsetzungsserie in der Zeitschrift „Possev“, die auch nach Russland geschmuggelt wurde, veröffentlicht wurde. Im Jahr 1999 erfolgte die deutsche Fassung, eine zweite russische Auflage kam 2001 bei Possev, Moskau, heraus.

Er hat niemals bedauert, den Fehdehandschuh gegen den sowjetischen Terror aufgehoben zu haben. In seinem Lubjanka-Buch zitiert er mehrmals:

“Ich bin zwar ein halbzertretener Wurm, aber ich bin im Recht!”

Von der Unmenschlichkeit des sowjetischen Systems zu wissen und nichts dagegen zu tun, wäre unerträglich für ihn gewesen.

Journalistische und schriftstellerische Tätigkeit

Schnell stellte Jurij Treguboff fest, dass Russland bzw. die Sowjetunion in westlichen Publikationen oftmals verzerrt dargestellt wurden, und so begann er, als freier Journalist zu arbeiten, schrieb Artikel für russische und deutsche Zeitschriften und hielt vornehmlich vor deutschen Zuhörern Vorträge über Themen, die Russland betrafen: Geschichte, Literatur, Philosophie, Orthodoxe Kirche, Zeitgeschehen und eigenes Erleben.

Bojare Orscha“Beginn eines Erdbebens” 1. Seite

Er sprach frei und behielt die Zuhörer stets im Auge, um bei den leisesten Anzeichen von Unaufmerksamkeit mit einem Witzchen zu reagieren, unter Einsatz von Mimik, Gestik und Körpersprache, was seine Vorträge ungemein lebendig machte. Lediglich die Struktur eines Vortrags und wesentliche Gedanken hielt er schriftlich fest, beachtete diese Texte während des Redens jedoch überhaupt nicht, behauptete allerdings, unbedingt müsse ein Stoß Papier vor ihm liegen, sonst würde man ihm nicht abnehmen, dass er sich ernsthaft mit dem entsprechenden Thema befasst hatte. Aus diesem Grunde gibt es keine einzige vollständige Ausarbeitung eines Vortrags, lediglich Bruchstücke, die erst durch die frei formulierten und auf das jeweilige Publikum abgestimmten Hinzufügungen von Leben erfüllt wurden – und er war ein großer Meister im Improvisieren. Hierzu sagte er einmal ironisierend:

„Jeden Vortrag gibt es auf drei verschiedenen Niveaus – bei der anspruchsvollsten Fassung verstehe ich selbst kein Wort!“

Anita und Jurij Treguboff 1964

Bei einem dieser Vorträge lernte er seine Frau Anita kennen, 1964 heirateten sie.

Es erstaunt immer wieder, wie nachhaltig sein Eindruck auf seine Zuhörer war. Bei ihren Buchverkaufsaktionen und Vorträgen stößt Anita Treguboff in ganz Deutschland auf Menschen, die sich noch gut an Jurij Treguboff erinnern, obwohl ihre Begegnung mit ihm oftmals Jahrzehnte zurückliegt.

Dem Erlebnisbericht Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka folgten neunzehn Romane. Die beiden ersten – Der letzte Ataman und Der Vampir – hatte er auf deutsch einer Dame aus dem Baltikum diktiert, die deutsch und russisch beherrschte. Mit seiner Heirat änderte er seine Arbeitsweise, erstand eine russische Schreibmaschine und begann, mit zwei Fingern auf ihr herumzuhacken. Sein schöpferischer Denkprozess erfolgte, während er heftig gestikulierend unter Selbstgesprächen in der Wohnung hin und her lief und dabei immer schneller wurde. Plötzlich stoppte er, ging zum Schreibtisch und begann zu tippen. Niemals veränderte er den Text nachträglich, nur Tippfehler korrigierte er. Als seine Schreibmaschine defekt war, setzte er seinen Roman bis zur Lieferung einer neuen Maschine mit der Hand fort, und auch diese in regelmäßiger Schönschrift dicht beschriebenen Seiten weisen nur vereinzelt Streichungen oder Zusätze aus.

Jurij A. Treguboff an der russischen Schreibmaschine

Etwa zwölf bis vierzehn Monate benötigte er, bis ein Roman beendet war, dann diktierte er ihn auf deutsch seiner Frau in die Schreibmaschine, wobei er zugleich anhand ihrer Reaktionen die Wirkung seiner Worte überprüfte, und überließ ihr nach Fertigstellung der rohen Übersetzung die weitere Bearbeitung des Textes, wobei er ihr jedoch scharf auf die Finger guckte, während sie Unklarheiten jederzeit mit ihm abstimmen konnte.

Hinsichtlich des Aufbaus seines literarischen Schaffens lehnte sich Jurij Treguboff an den französischen Romancier Honoré de Balzac (1799-1850) an, dessen einzelne Werke als „Menschliche Komödie“ miteinander verbunden sind. So erzählt jeder der Romane Jurij Treguboffs eine in sich abgeschlossene Geschichte, ist aber durch einige Personen oder Familien, deren Schicksale er über einen längeren Zeitraum zeigen wollte, auch mit anderen Romanen verbunden. Äußerlich wurde dieser Zusammenhang durch eine einheitliche Gestaltung der Buchcover sichtbar gemacht.

Seine Themen zeigen eine ungewöhnliche Vielfalt. Die Geschichte Russlands im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurde ebenso ausführlich behandelt wie das Leben in Deutschland. Jurij Treguboff formulierte das einmal so:

Meine historischen Bücher bilden den Hintergrund, die Basis, während die übrigen die Auswirkungen der geschichtlichen Entwicklung auf die verschiedenen Ebenen des Lebens beschreiben, wobei ich vor allem die Versuchungen durch materialistisches Denken und Handeln aufzeigen will.

Da er sich nicht in Inhalt und Form des von ihm Geschriebenen reinreden lassen wollte, gründete Jurij Treguboff 1971 zusammen mit seiner Frau den Feuervogel-Verlag, Frankfurt am Main, in dem seine Werke weiterhin zur Verfügung stehen. Seine letzte große Freude wenige Tage vor seinem Tod am 27. Februar 2000 war, die ersten Seiten der Moskauer Fassung seines Lubjanka-Buches in der Hand zu halten.

Über die nach dem Regierungsantritt von Michail Gorbatschow (*1931) einsetzende Wende der sowjetischen Politik, die schließlich zur Wiedervereinigung Deutschlands und Abschaffung der sowjetischen Diktatur führte, schrieb Jurij Treguboff:

Diktaturen werden entweder von innen in einem durch eine entschlossene und opferbereite Minorität geführten revolutionären Kampf vernichtet, oder in einem Krieg von außen, wobei sie eine ungeheure Widerstandskraft entwickeln, so wie Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg. Beides ist mit großen Zerstörungen und Menschenverlusten verbunden. Die politische Spitze der ehemaligen Sowjetunion, zunächst Gorbatschow und später Boris Jelzin, hat die Diktatur der kommunistischen Partei jedoch ohne größere Kämpfe beendet und auf Rache an den früheren Unterdrückern verzichtet, was Kräfte gebunden hätte, die zum Aufbau eines besseren Russlands notwendig sind. Dies bedeutet, daß der politische Genius des russischen Volkes nach wie vor existiert, und ich denke, daß die derzeitigen, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet bestehenden Schwierigkeiten nach und nach gelöst werden können.

Konzept und Inhalte seiner Werke

Als Jurij Treguboff 1996 zu einem Vortrag im Frankfurter Schüler-Café Müller eingeladen wurde, verfasste er einige Zeilen zu seiner Biografie unter dem Titel „Zwischen den Stühlen“, die mit folgenden Worten begann:

Wer bin ich? Diese Frage kann nur im Zusammenhang mit den Prüfungen meiner Generation beantwortet werden. Ich wurde 1913 geboren, dem letzten Friedensjahr des Russischen Kaiserreichs, am 22. März des orthodoxen Kirchenkalenders beziehungsweise am 4. April des in Europa geltenden Gregorianischen Kalenders. Demnach habe ich zwei Geburtstage, bekomme allerdings nur einmal Geschenke, und sitze sozusagen zwischen zwei Stühlen. Und wie oft habe ich im Verlauf meines weiteren Lebens zwischen den Stühlen gesessen!

Diese Dualität zeigt sich auch in seinem literarischen Schaffen, das mit seinem Bericht über die in sowjetischen Gefängnissen und Lagern verbrachte Lebenszeit vom 19. September 1947 bis zum 11. Oktober 1955 unter dem Titel Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka beginnt. Er hatte seinen Mitgefangenen versprochen:

„Ich werde eure Stimme sein!“

und begann unmittelbar nach seiner Rückkehr mit der Niederschrift dieses Buches, noch bevor neue Eindrücke das Erlebte übertünchen konnten.

Die ersten fünf Romane Jurij Treguboffs haben einen autobiografischen Charakter. Der Vampir spielt im Moskau des Jahres 1921, während der NÖP-Periode (kurzfristige Zulassung eines gemäßigten Kapitalismus zur Verbesserung der desolaten Versorgungslage Russlands). Eine einstige Adelsfamilie und die eines führenden Revolutionärs werden durch gemeinsames Erleben schicksalhaft verbunden. Ihre Begegnung mit den „Springern“, einer fast schon mystifizierten Widerstandsbewegung, die beginnende Spaltung der Revolutionäre, Intrigen und Morde zeichnen ein packendes, unmittelbares Bild jener Tage, von denen der Autor Lenin visionär sagen lässt: „Die Partei wird sich in einen blutsaugenden Vampir verwandeln.“

In dem Roman Berlin erlebt der aus dem vorherigen Buch bereits bekannte Wladimir Schwedow den Zweiten Weltkrieg in Berlin, lernt verschiedene Exilgruppen kennen, arbeitet im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete, schließt sich der Wlassow-Armee an, um aus dem Zusammenbruch heil herauszukommen und den Blick in eine glücklichere Zukunft werfen zu können. In diesem Werk wird Deutschland aus der Sicht der in Berlin lebenden Russen betrachtet: alteingesessene Emigranten, sowjetische Kriegsgefangene, Ostarbeiter, russische Juden und russische antisemitische Gruppierungen.

Der letzte Ataman beschäftigt sich mit den Tagen zwischen Krieg und Frieden 1945 in Österreich: Schicksal vieler russischer Menschen, die nicht unter die kommunistische Herrschaft zurückkehren konnten, sich in der Hoffnung auf den Westen betrogen fühlten und als Partisanen in den Wäldern an der Grenze des sowjetischen Sektors zum amerikanischen Sektor Österreichs zu überleben versuchten. Besonders aufschlussreich sind die Erzählungen über Entstehung und Geschichte der Kosaken und ihre Rolle im russischen Kaiserreich.

Im Roman Gespenster in Frankfurt steht der „Heimkehrer“ Jewgenij Kreiton im Mittelpunkt des vielgestaltigen Geschehens, das sich so ziemlich über den Hauptteil des europäischen Kontinents ausbreitet und an wichtigen geschichtlichen, politischen, gesellschaftlichen, menschlichen und unmenschlichen Ereignissen teilhat. Der „gespenstische“ Aspekt dieses Buches steht in engem Zusammenhang mit Episoden und Personen aus dem Roman Berlin.

Mit dem Roman Wladimirschina werden die ersten, historisch geprägten Bücher abgerundet. Die Rahmenhandlung schließt an die Gespenster in Frankfurt an, während der Hauptteil – Revolutionswinter 1917/1918 in der Provinz Wladimir – die Zeit vor dem Vampir behandelt. Anhand zweiter Studenten wird der Leser in eine aus den Fugen geratene, verunsicherte Welt geführt, an der er einerseits die Schwächen des zaristischen Russlands erahnen kann, andererseits deutlich erkennt, wie grausam und beängstigend die neuen Machthaber im Namen der Befreiung des Proletariats agieren.

Mit dem Roman Geld begibt sich Jurij Treguboff auf ein völlig anderes Terrain. Das Buch spielt in Frankfurt am Main, Hauptpersonen sind Menschen, deren Seelen mit kaltem und totem Eisen verglichen werden können, das von dem Magnet Mammon angezogen und beherrscht wird. Sein Thema ist Gerechtigkeit auf irdischer und nichtirdischer Ebene im Zusammenhang mit dem raffinierten Mord einer hochqualifizierten Clique an einer alten Dame um ihres Geldes willen. Gezeigt wird, wie sich das Leben eines jeden, der an diesem Verbrechen teilgenommen hatte, in dem gleichen Maße verändert, wie er schuldig geworden ist. Nach orthodoxer Vorstellung leben wir im Zustand des permanenten Gerichts, jeder ist ununterbrochen für alles verantwortlich, was er tut oder auch nicht tut und spürt die Folgen seiner Entscheidungen.

Die Notizen eines Pechvogels schildern die Geschichte des Semjon Semjonowitsch Tschugujew, den es in den zwanziger Jahren als Kind an die Spree verschlägt, wo er den Krieg erlebt, bis zu seinem Tod Anfang der fünfziger Jahre. Er glaubt an die menschliche Anständigkeit und steht daher Intrigen und Niederträchtigkeiten hilflos gegenüber. Als er sich von seiner Frau Fleur hintergangen fühlt, glaubt er, sie erschlagen zu haben und flüchtet nach Frankfurt am Main, wo er sich zwischen Dirnen und Zuhältern niederlässt und ihnen, die ihn spöttisch „Prediger“ nennen, Bibeltexte vorliest.

Der Roman Hauptwache beginnt im Milieu der Obdachlosen auf der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache und beschreibt Menschen, die zu schwach sind, um ihrem Leben Halt und Sinn zu verleihen. Da sie anfällig für Versprechungen sind und sich nur schlecht wehren können, sind sie leicht für dunkle Machenschaften zu missbrauchen. So soll mit ihrer Hilfe ein russischer Biologe, dessen Forschungen über die Veränderung der menschlichen Gene bereits weit fortgeschritten sind, aus Budapest entführt werden, um in Zukunft für die Amerikaner zu tätig zu sein.

Die nun folgenden drei Romane sind durch die gleiche Hauptperson eng miteinander verbunden. Der erste Band Die wundersamen Erlebnisse des Aristarch Trofimowitsch Jermolow kann als philosophisches Märchen bezeichnet werden. Der Grundgedanke ist: Als vor zweitausend Jahren das Christentum in die Welt eintrat und die herrlich anzusehenden, aber nicht sonderlich gütigen antiken Götter von den Heiligen besiegt wurden, zogen sie sich enttäuscht und grollend in ein geheimnisvolles, den Sterblichen nur schwer zugängliches Tal am Olymp zurück. Zusammen mit den Heiligen des Christentums war jedoch auch das böse Prinzip in die Welt eingetreten. Achitophel von Drewluga, ein Kind dieses Prinzips, hatte den antiken Göttern ein Bündnis gegen den gemeinsamen Feind angeboten, das jedoch empört zurückgewiesen wurde, da er und seine Freunde ihnen nicht schön und edel genug waren. Um sie unter Druck setzen zu können, bemächtigte er sich der Göttin Artemis, der Jägerin, die unvorsichtig das wunderbare Tal verlassen hatte, und bannte sie in eine kleine Statuette, die er in seiner Wohnung aufstellte. Der Schriftsteller Jermolow, den Herr von Drewluga für seine Zwecke einspannen möchte, schlägt sich jedoch auf die andere Seite und entwendet ihm dieses Statuette, um die ein erbitterter Kampf unter Anwendung durchaus origineller Finten beginnt.

In dem Roman Der große Einsatz geht es um Menschen, die alles auf eine Karte setzen, um Karriere zu machen. Aristarch Trofimowitsch Jermolow wird mit einem Sack voller Münzen aus der Unterwelt, dem Hades, entlassen, in den er durch eine List des Herrn von Drewluga geraten war, der Weg in seine alte Heimat und damit in seine Vergangenheit ist ihm jedoch verwehrt. Arglos stolpert er in eine Intrige, in deren Mittelpunkt ein Anwalt steht, der unter dem Deckmantel einer karitativen Organisation zur Rettung Alkoholkranker eine Erpresserorganisation auf die Beine stellt. Zugleich versucht ein Kollege von ihm, durch manipulierte Wirtschaftsinformationen zwei US-Unternehmen in großem Maßstab zu betrügen und bedient sich hierfür eines Doppelgängers des amtierenden Bundesbankpräsidenten. Jermolow, der kurz hintereinander der Fälschung und dem Original begegnet, gerät zwischen die Fronten.

Sergius von Radonesch. Ikone für die Kirche in Abramzewo, 1882.

Im Mittelpunkt des Romans Die blutige Ikone steht eine in der einzigen offenen Kirche der Stadt Noginsk hängende Ikone von hohem künstlerischem Wert, verehrt von den Gläubigen, für die sie das Heiligste verkörpert, was ihr trübseliges, graues Dasein erhellt. Die mystische Wirkung dieser Ikone, auf der die Muttergottes und der Heilige Sergius von Radonesch abgebildet sind, wird noch dadurch verstärkt, dass sie in all den Jahren der Kirchenverfolgungen der Vernichtung entgehen konnte. Plötzlich wird sie zum Zentrum des Interesses und zur Triebfeder des Schicksals vieler Menschen. In einem zweiten Handlungsstrang versucht ein auf der Insel Elba lebender Milliardär experimentell die Frage zu klären, ob plötzlicher Reichtum den Menschen Glück oder Verderben bringt und lässt einigen Personen auf ihnen glaubhaft erscheinende Weise jeweils etwa zwei Millionen Mark zukommen, ohne dass ihnen bewusst wird, Versuchskaninchen zu sein. Hierfür werden ausgerechnet Menschen ausgesucht, die mit dem Diebstahl der Ikone verbunden sind.

In dem Roman Schnapsi wird das Schicksal der fünfzehnjährigen Manuela Neudecker beschrieben, die von ihren habgierigen und gewissenlosen Eltern an den Besitzer eines luxuriösen Frankfurter Eros-Centers verschachert worden ist, wo sie wegen ihrer Abneigung dem Alkohol gegenüber den Spitznamen Schnapsi erhält. Schwer lastet der Druck des ihr aufgezwungenen Lebens auf ihr. Sie ist ein willensstarker, sich selbst stets treu bleibender Mensch und sucht nach einer Lebensweise, die ihrem Wesen besser entspricht.

Mit dem Roman Die Idee des Doktor Kologriwow schloss Jurij Treguboff seinen auf dreizehn Teile angewachsenen Romanzyklus ab, in dem einerseits alle Bücher auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind, so wie es im Leben keine isolierten Geschehnisse gibt, und jedes einzelne Buch zugleich ein in sich geschlossenes Werk darstellt, in dem, bezogen auf die jeweilige Handlung, keine Punkte offen bleiben. Verbunden werden alle Titel durch die grandiose Kulisse unserer Zeit, die im Jahr 1917 verwirklichte russische Revolution, damals eine Tragödie aller Völker Russlands und seit dem Zweiten Weltkrieg eine Tragödie der gesamten Menschheit. In seinem Nachwort zu diesem Buch, mit dem Jurij Treguboff diesem Zyklus den Titel „Durch die reinigende Flamme“ gab, schrieb er:

Sehr alt ist der Streit, wie historische Ereignisse am besten erfaßt werden, ob die Erudition, die Gelehrsamkeit, oder die Intuition Vorrang hat. Ich bin kein Gelehrter und plädiere daher für die Intuition, und mir scheint, daß das intuitive Erfassen der einzelnen Gestalten meiner Bücher umhüllt wird von nüchternen Überlegungen des Verstandes. In allen Büchern dringt die transzendentale, metaphysisch-mystische Welt in das Leben meiner Personen ein, eine Welt, die meiner Überzeugung nach existiert, wirklich und zudem viel wichtiger ist als die von unseren Sinnen relativ gut erfaßbare reale Welt. Denn jede Annäherung an das Reich des Unverweslichen vergrößert unsere Chance eines Siegs über Tod und Verwesung, allerdings muß dieser Sieg nicht immer unbedingt positiv sein.

Leonid Iljitsch Breschnew (1974 in Wladiwostok)

Der Roman spielt zu der Zeit, als Leonid Iljitsch Breschnew wichtigster Mann der Sowjetunion war und schildert die unsichtbar wirkenden Kreise der Opposition im Untergrund – das beginnende Ende der kommunistischen Herrschaft in Russland. Dr. Kologriwow ist ein französischer Psychiater russischer Abstammung, der in der Psychiatrie von Arsamas tätig ist und dort auf Patienten stößt, die seinen Untersuchungen nach keineswegs in eine Anstalt für Geistesgestörte gehören und offensichtlich wegen ihrer oppositionellen Einstellung gegenüber den in der Sowjetunion herrschenden Machthabern von Staats wegen für psychisch krank erklärt worden waren. Sein Versuch, einem dieser Pseudokranken einen Dienst zu erweisen, führt zur Verhaftung und Ausweisung Kologriwows. Wieder im Westen, beschließt er, dem von ihm als unerträglich empfundenen menschenfeindlichen System der Sowjetunion den Kampf anzusagen.

Mit diesem Buch hielt Jurij Treguboff sein Hauptanliegen für abgeschlossen. Dass ihm die Kraft und Zeit geschenkt wurde, noch weitere sechs Romane zu schreiben und er sie alle gedruckt in der Hand halten konnte, empfand er als großes Glück.

Das Bändchen mit Gedichten und Erzählungen zur russischen Geschichte sollte diesen Zyklus abrunden und in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang stellen. Es enthält fünfundzwanzig Miniaturen, davon drei in russischer Sprache, sowie einen ausführlichen Kommentar über den jeweiligen historischen Hintergrund.

Eigentlich wollte Jurij Treguboff danach nur noch Kurzgeschichten schreiben, aber aus der ersten Erzählung wurde sehr schnell das erste Kapitel seines Romans Wie Herbstlaub im Sturm, der im Zweiten Weltkrieg spielt. Im belagerten Leningrad wird zu besonderer Wachsamkeit aufgerufen, um potentielle Feinde unschädlich zu machen, noch bevor sie dem sowjetischen Staat Schaden zufügen können. Dies bringt den Hausverwalter Krjutschnikow dazu, eine ihm missliebige Familie anzuzeigen, Vater und Mutter werden verhaftet, zurück bleibt ihr Töchterchen, das später verhungert vor einer Muttergottesikone vorgefunden wird. Diese Ikone nimmt ein zur Front gehenden Student mit sich; sie rettet ihm das Leben, als bei seiner Gefangennahme eine Kugel von ihr abgefangen wird. Hierdurch erweckt er die Aufmerksamkeit der Deutschen, die ihn in ein Sonderlager bringen, wo Menschen für ein Attentat auf Stalin und seine engsten Mitarbeiter geschult werden.

Mit dem Roman Der fahle Reiter beschäftigt sich Jurij Treguboff ein zweites Mal mit der Revolutionsepoche – er beginnt in der Silvesternacht 1913 und endet 1920 mit dem Sieg der Roten über die Weißen im russischen Bürgerkrieg und Einsetzen der Emigration. Er hat drei sich überschneidende Ebenen: die geschichtliche Entwicklung dieser Zeit unter Berücksichtigung der Tatsache, dass jede Erfolg versprechende politische Partei Opportunisten unterschiedlichsten Kalibers anzieht; der vom Marxismus angestrebten „Schaffung eines neuen Menschen“ werden die Experimente zweier Wissenschaftler gegenüber gestellt, die auf künstliche Weise ein Mädchen produzieren, das den Anforderungen der modernen Zeit besser gerecht werden soll; und schließlich die Legende von dem Schuster Ahasver, der Christus auf dem Kreuzweg ein Glas Wasser verweigert hat, erst am Ende der Zeit sterben kann und sich in seinen Träumen an sein vergangenenes Leben erinnert.

Der folgende Roman Im hellen Schein des Mondes beschreibt die Zeit und Raum überspannenden Geister der Natur in ihrem Bemühen, die weitere Zerstörung des Erdballs durch menschliche Gier und Rücksichtslosigkeit zu verhindern. Hauptfigur ist eine Dryade, die Seele eines Baumes, die sich vor zweitausend Jahren in einen römischen Soldaten verguckt hatte und ihm ins kalte Germania gefolgt war. Ihr Baum, der einzige seiner Art weit und breit und unter Naturschutz stehend, droht zu zerbrechen, und mit ihm stirbt auch sie, wenn sich niemand findet, der ihr eine neue Wohnstatt besorgt.

“Das weiße Pulver” Während des Schreibens erstelltes Personenverzeichnis

Unter dem Titel Das weiße Pulver greift Jurij Treguboff eines der großen Probleme unserer Zeit auf: Rauschgift. Er beschäftigt sich aber nicht mit den Süchtigen, sondern mit den Dealern, die aus Geldgier, dem Gefühl der Macht über andere und Menschenverachtung ihre Opfer bewusst und skrupellos in einen langsamen, qualvollen Tod schicken.

Eine humorvolle Note hat der Roman Rauschgold. Er spielt im Milieu der russischen Emigranten im Berlin der zwanziger Jahre. Ein gerissener Gauner entfacht eine Hysterie der Geldgier, um sich den Schmuck seiner Landsleute unter den Nagel zu reißen, was ihm bis zu einem gewissen Punkt auch gelingt.

Mit seinem Roman Beginn eines Erdbebens zieht Jurij Treguboff Bilanz über die sowjetische Epoche Russlands, indem er zu ihren Wurzeln zurückgeht und die Schicksale von zwölf Bolschewiki in den Jahren 1916 bis 1920 beschreibt. Ihm war bewusst, dass dies vermutlich sein letztes Werk sein würde, man könnte es daher als Summe seiner Lebenserfahrungen bezeichnen.

Typisch für alle Bücher Jurij Treguboffs ist sein mit einem wissenden Schmunzeln verbundener feiner Humor. Er wollte die Menschen zeigen wie ein Spiegel, ohne sie zu beurteilen oder gar zu verurteilen.

„Das steht mir nicht zu“, sagte er, „denn auch die von mir erfundenen Charaktere kenne ich nur in dem Abschnitt ihres Lebens, den ich beschreibe. Außerdem ist der Leser schlau genug, um seine eigenen Schlüsse zu ziehen.“

Zu Charakter und Lebenseinstellung Jurij Treguboffs

Demokrit gilt als Vater der Atomtheorie

In seinem Roman Der große Einsatz zitiert Jurij Treguboff den Philosophen Demokrit (ca. 455-370 v. Chr.) mit den Worten

Die wahre Glückseligkeit besteht in der Genügsamkeit, in der Reinheit der Taten und der Gesinnung, in der Gestaltung des Geistes, der im Glück ein Juwel ist, im Unglück ein Zufluchtsort, vor allem aber in dem Zustand der frohen Heiterkeit eines ruhigen Geistes, den ich mit der Meeresstille der Seele vergleiche. Ich möchte hinzufügen, es macht unglücklicher, das Ungute zu tun, als unter ihm zu leiden. Es genügt bei weitem nicht, das Böse zu vermeiden, man darf auch nichts Böses wünschen und muß sich vor sich selbst mehr schämen als vor den anderen. Jede Unwahrheit ist zu meiden, wobei es unwichtig ist, ob jemand oder niemand von ihr weiß.

Nach Einschätzung von Anita Treguboff drücken diese Gedanken seine Einstellung zum Leben aus, daher hat sie dieses Zitat in ihr Büchlein Nachgelassenes aufgenommen.

Werke

Biografisches, Geschichtliches, Zeitkritisches

Brief der Direktorin des Kulturzentrums Haus Museum Marina Zwetajewa, Moskau, an Anita Treguboff
Beispiel für die Optik der Romane Treguboffs

Übersetzungen

Pressestimmen

Texte von und über Jurij Treguboff

Aktivitäten von Anita Treguboff

Anita Treguboff am Stand des Feuervogel-Verlages

Um das literarische Lebenswerk Jurij Treguboffs zu erhalten und für die Zukunft zu sichern, hat seine Frau Anita nach seinem Tod mehrere Wege beschritten:

Im Jahr 2001 brachte sie unter dem Titel Nachgelassenes kleinere Texte heraus: Übersetzungen russischer Dichter, mit denen Jurij Treguboff sich sein Leben lang beschäftigt hatte, eigene Gedichte und Erzählungen und das zwei Monate vor seinem Tod begonnene Romanfragment „Die Geschichte dreier Häuser“. In ihren Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln geht sie auf die jeweilige Entstehungsgeschichte dieser Texte ein, verbunden mit Bemerkungen zu Arbeitsweise und Charakter des Autors.

Die durch den Tod von Jurij Treguboff unterbrochenen Verhandlungen mit dem russischen Verlag Possev über die Herausgabe des Erlebnisberichts Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka in Rußland wurden von ihr weitergeführt, so daß dieses Werk, für das sie den bedeutenden Slavisten Wolfgang Kasack für ein Vorwort gewinnen konnte, 2001 in Moskau veröffentlicht und vom Verlag Possev zum Teil an russische Schulen und öffentliche Bibliotheken gespendet wurde.

Brief des Generaldirektors der Russischen Nationalbibliothek, St. Petersburg, an Anita Treguboff

Für Heft 45 (I, 2004) der Zeitschrift Horch und Guck – Historisch-literarische Zeitschrift des Bürgerkomitees „15. Januar“ e. V., Berlin, mit dem Hauptthema „Bewaffneter antikommunistischer Widerstand in Osteuropa“ schrieb sie einen Beitrag: „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka.“ – Ebenfalls 2004 erschien in der Zeitschrift Kultur in Hamburg ihr Artikel „Jurij Treguboff – ein zeitgeschichtliches Werk.“

Unter dem Titel Die Zauberfeder aber blieb zurück in meiner Hand nach einem Gedicht Jurij Treguboffs, wonach ihm nach seiner Rückkehr aus dem Lager eine Feder geschenkt wurde, die wie von selbst über die Zeilen gleitet, solange er ehrlich das schreibt, was ihm aus dem Herzen kommt, hält Anita Treguboff seit 2002 in ganz Deutschland Vorträge über das ungewöhnliche Leben und literarische Schaffen ihres Mannes.

Im Herbst 2004 wurde die Homepage des Feuervogel-Verlags eingerichtet.

Das Interesse an Jurij Treguboffs Erlebnisbericht Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka erwies sich als so groß, daß 2005 eine zweite Auflage erforderlich wurde, die sie durch einen Artikel über Einzelheiten von Jurijs Entführung aus Berlin ergänzte, der ihr, vor vielen Jahren geschrieben und völlig in Vergessenheit geraten, im Frühjahr 2005 bei der Durchsicht von Jurijs Papieren im Zusammenhang mit einer größeren Renovierung wieder in die Hände gefallen war.

Auf deutsch wurden die Werke Jurij Treguboffs in den Jahren 1967 bis 1999 veröffentlicht, zum Zeitpunkt seines Todes waren zahlreiche Titel vergriffen. Daher machte sie sich unter Ausnutzung der neuen elektronischen Möglichkeiten daran, diese Titel in zweiter Auflage als eBook auf CD zum Lesen am heimischen Computer zu erfassen, so dass interessierten Lesern nunmehr erstmals gleichzeitig das gesamte Lebenswerk Jurij Treguboffs zur Verfügung steht.

Die beiden nur auf deutsch geschriebenen Romane Der Vampir und Der letzte Ataman ließ sie ins Russische übersetzen und zusätzlich nach und nach seine russischen Manuskripte auf CD übernehmen, so dass sie russischsprachige Leser erreichen können. Außerdem dienen diese CDs als Basis für Verhandlungen mit russischen Verlagen, denn ihr großes Ziel ist, dass ein Verlag in Russland das gesamte Schaffen Jurij Treguboffs dort veröffentlicht. Ein erster Schritt hierfür war Anfang 2006 eine Ausstellung seiner Bücher in der Russischen Nationalbibliothek, St. Petersburg. In Moskau stehen einige seiner Werke den Besuchern des Museums Marina Zwetajewa zur Verfügung.

Da sich immer mehr Menschen über Zeitmangel beklagen und vielen die innere Ruhe fehlt, um ein dickleibiges Buch zu lesen, wurden im Laufe des Sommers 2007 von der Autobiografie sowie den in gedruckter Form vergriffenen Titeln Kurzfassungen auf Audio-CD als HörBücher von jeweils knapp 80 Minuten erstellt und von Anita Treguboff gelesen. Hinzu kamen von Michaela Getto gelesene und produzierte Audio-CDs der Poeme “Der Dämon” und “Bojare Orscha” von Michail J. Lermontov.

Ebenfalls 2007 brachte sie als E-Book auf CD in deutsch und russisch die Buchbesprechung von S. Puschkarjow: Lettische Schützen im Kampf für die Macht Lenins in den Jahren 1917-1918 über ein 1967 von der Akademie der Wissenschaften in Riga herausgegebenes Buch von A. I. Spreslis heraus. Diese Besprechung aus der russischen Zeitschrift „Neues Journal“, New York, 9/1971, erschien Jurij Treguboff so wichtig, dass er sie übersetzte, um sie als Hintergrundwissen den Lesern seiner Bücher zur Kenntnis bringen zu können.

Die Erzählung „Die achte Legion“ aus „Nachgelassenes“ wurde 2007 in die Anthologie Als wäre es gestern gewesen, als könnte es morgen sein des Lerato-Verlags aufgenommen.

Weblinks


Dieser im Herbst 2007 für die Internet-Enzyklopädie Wikipedia geschriebene Artikel über Jurij Treguboff wurde im Februar 2008 leider so sehr zusammengestrichen und dadurch verfälscht, daß er erheblich an Aussagekraft verloren hat, was erforderlich machte, die ursprüngliche Fassung hier, auf der Homepage des Feuervogel-Verlags, darzustellen.